Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jg 81.
Arthur PendenniS.
(Fortsetzung.)
Man muß nun aber nicht glauben, daß Pen mit diesen Vergnügungen, wenn sie auch etwas zu eifrig betrieben wurden, seine Studien ganz und gar vernachlässigt habe. Er hatte einen natürlichen Trieb, alle nur möglichen Bücher zu lesen, welche nicht in seinen Schul- kursuS einschlugen. Nur wenn man ihn mit Zwang an die Quelle der Wissenschaft zur Tränke führen wollte, weigerte er sich zu trinken. Er verschlang alle Bücher im Hause; er durchstöberte alle Büchersammlungen der Umgegend. Er und der Prediger zu Clavering waren gute Freunde, und von seiner Ehrwürden lernte Pen jenen feinen Geschmack für Portwein, welcher ihn sein Lebelang auszeichnete. Und waS jene liebe gute Frau, Mrs. Portman betrifft, welche nicht im Geringsten eifersüchtig war, obschon der Doktor zugestand, daß er in MrS. PendenniS verliebt sey , welche er als die bei Weitem schönste Dame in der Grafschaft pries — so war ihr ganzer Kummer, wenn sie zärtlich zu dem auf der Bücherleiter sitzenden Pen hinaufschaute, daß ihre Tochter Minny zu alt für ihn war. Das war in der That richtig; denn Miß Mira Portman war zu dieser Zeit blos zwei Jahre jünger, als PenS Mutter, und wog so viel als Pen und MrS. PendenniS zusammen.
Um Pen vor dem Versinken in jenes zerstreute Wesen zu bewahren, von dem der Doktor bei den Cisterzien- sern so schreckliche Folgen geweissagt hatte, war Mr. Smirke, Doktor Portmans HülfSprediger, für ein reichliches Gehalt beauftragt worden, täglich von Clavering herüberzugehen oder zu reiten, um einige Stunden mit dem jungen Herrn zu verbringen. Smirke war ein Mann, der wie für den Theetisch geschaffen war, so vollkommen untadelig füllte er dort seinen Platz auS. Er trug eine
1 Locke über seiner wohlgeformten Stirn und knüpfte sich j sein Halstuch mit einer melancholischen Anmuth. Er war ' ein tüchtiger Gelehrter und Mathematiker und lehrte Pen ! so viel, als der Junge nur immer zu lernen Lust hatte, s was nicht viel war. Denn Pen hatte seinen Erzieher bald weggekriegt. Dieser nämlich streckte, wenn er auf seinem Pony in den Hof von FairoakS hereingeritten kam, seine Fußspitzen so abgeschmackt nach auswärts und ließ solch einen Zwischenraum zwischen seinen Knieen und dem Sattel, daß eS für jeden jungen Menschen, der nur einen Funken Humor im Leibe hatte, unmöglich war, vor solch einem Reiter Achtung zu haben. Er hätte Smirke einst fast umgebracht vor Schrecken, als er ihn auf seine Stute setzte und mit ihm einen Ritt über einen Gemeindeanger machte, wo sie zufällig unter die Hunde der Grafschaft gcriethen, mit denen damals jener ehrenfeste alte Nimrod, Mr. Hardhead von Dumpling- beare jagte. Mr. Smirke auf PenS Stute Rebekka (sie war nach Pens LieblingShelvin, der Tochter Isaaks von Nork, genannt) erschreckte die Hunde eben so sehr, als er sich das Mißfallen des Jägers zuzog, indem er nämlich, unfähig das Pferd zu bändigen, mitten in die Koppel hineinritt, so daß er einen davon lähmte, und dafür eine Rede zu hören bekam, die sich durch eine größere Kraft des Ausdrucks auszeichnete, als irgend eine Rede von allen denen, die er gehört, seit er die Bootsknechte an den Ufern der Isis verlassen hatte.
Smirke theilte seinem Zögling seine lateinischen und englischen Gedichte mit und schenkte Mrs. PendenniS einen Band von den letzteren, welcher zu Clapham, seinem Geburtsorte gedruckt war. Die Beiden lasen die alten Dichter zusammen und durchflogen sie auf eine genußreiche Weise , die sehr verschieden war von jenem bedachtsamen Schritte, das Grabscheit in der Hand, mit welchem die Cisterzienser über den klassischen Boden
