Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 77 & 78.
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Arthur Pendennis.
(Fortsetzung.)
Der junge Pen sah an dem ernsthaften Gesicht seines Onkels, daß zu Hause etwas vorgefallen war. „Ist irgend etwas vorgefallen mit — meiner Mutter?" sagte er. Er konnte dabei vor Bewegung kaum sprechen, und die Thränen standen ihm schon in den Augen!
„Nein," sagte der Major, „aber Dein Vater ist sehr krank. Geh, packe augenblicklich Deinen Koffer, ich habe draußen an der Thür schon einen Postwagen stehen."
Pen ging eilig fort nach seiner Stube, um zu thun, wie sein Onkel ihm geheißen; und der Doktor, nun allein gelassen im Schulzimmer, kam heraus, um seinem alten Schulkameraden die Hand zu schütteln. Man würde nicht geglaubt haben, daß dies derselbe Mann von vorhin sey. Wie Aschenbrödel in einer einzigen Stunde aus einer glänzenden und prächtigen Prinzessin ein ganz gewöhnliches kleines Mädchen in einem grauen Unterrocke wurde, so verschwand, als die Glocke eins schlug, all' die donnernde und blitzende Majestät und all' der entsetzliche Ingrimm des Schulmeisters.
„Es ist hoffentlich nichts Ernstliches," bemerkte der Doktor, 's ist Schade, daß der Knabe weggenommen wird. Er ist ein sehr guter Junge, allerdings etwas träge und ohne kräftigen Willen; aber dennoch ein sehr ehrenwerlher, wohlgesitteter kleiner Bursche, obschon ich ihn nicht dahin kriegen kann, nach Wunsche zu konstruiren. Aber wollen Sie nicht hereinkommen und etwas zum Frühstück genießen? Meine Frau wird sehr glücklich seyn, Sie einmal zu sehen."
Major Pendennis lehnte jedoch das Frühstück ab. Er sagte, mit seinem Bruder stünde eS sehr schlecht, er hätte den Tag zuvor einen Schlaganfall gehabt, und eS
wäre eine große Frage, ob sie ihn noch am Leben treffen würden.
„Nicht wahr, es ist kein Sohn mehr da, außer ihm?" fragte der Doktor.
Der Major antwortete „nein."
„Und sie haben ein hübsches, hm — ein hübsches, hm — Vermögen, glaube ich," fragte Jener in einer vertraulichen Weise.
„H—m—m, so, so, la, la," sagte der Major," worauf dieses Zwiegespräch zu Ende war. Und Arthur Pendennis stieg mit seinem Onkel in den Postwagen, um nimmer wieder in die Schule zurückzukehren.
AlS der Wagen durch Clavering fuhr, winkte der Hausknecht, der pfeifend unter dem Thorwege des Gasthofes zum Schilde stand, dem Postillon, als ein schlimmes Vorzeichen zu, welches soviel besagte, als: „Alles ist vorbei." Die Gärtnersfrau kam und öffnete das Hofthor und ließ die Ankömmlinge mit einem schweigenden Kopfschütteln hindurch; alle Sommerladen in Fairoaks waren niedergelassen — das Gesicht des alten Bedienten war eben so niedergeschlagen, als er sie inS Haus führte. Arthurs Gesicht war ebenfalls bleich, doch mehr vor Schreck, als vor Gram. Wie warm der Verstorbene seine Angehörigen auch geliebt, — und er betete seine Frau an und liebte und bewunderte seinen Sohn von ganzem Herzen — er hatte sein Gefühl in sich verschlossen, und niemals war der Knabe im Stande gewesen, diese kalte Außenseite zu durchdringen. Aber Arthur war seines Vaters Stolz und Ruhm während seines Lebens, und sein Name das letzte Wort gewesen, welches John Pendennis über die Lippen zu bringen versucht hatte, während er dalag und seines Weibes Hand seine eigne kalte und starre Hand umschloß und der flackernde Geist auslosch in die Finsterniß des Todes und Leben und Welt von ihm hinweggingen.
