Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen
. Zeitung.
1850. — ^ 76.
Arthur Pendennis
(Fortsetzung.)
Genug, Pen hatte sich eben zum erstenmale öffentlich in einem Kleide mit Schößen, dem Schmucke, den der Mann vor dem Jacken tragenden Knaben voraus hat, gezeigt und blickte mit größter Aengstlichkeit tagtäglich in seinen kleinen Spiegel, zu sehen, ob nicht bald auch bei ihm der Backenbart herauskäme, wie bei seinen vom Glücke besser bedachten Genossen; und, anstatt der feinen Stimme, mit welcher er, zu sprechen und zu singen pflegte, war er plötzlich in einen tiefen, von Zeit zu Zeit durch ein heiseres Quieken unterbrochenen,'Baff verfallen, der, wenn er in der Schule aufgerufen wurde, um zu konstruiren, Lehrer und Schüler lachen machte — kurz, Pen war 16 Jahre alt, als er, auf einmal von seinen akademischen Studien abgerufen wurde.
Es war gegen den Schluß der Vormittagsschule, und Pen war während des ganzen Morgens unaufgerufen geblieben bis jetzt. Da wendete sich unglücklicherweise der Doktor noch an ihn und hieß ihn, in einem griechischen Stücke konstruiren. Er wußte auch nicht ein Wort davon, obwohl der kleine Timmis, sein Bankoberster, mit aller Macht einblies. Pen hatte ein oder zwei Böcke geschossen, als der gewaltige Fürst der Schule auf ihn loszuvonnern begann.
„Pendennis, junger Mensch," sagte er, „Ihre Faul, heit ist unverbesserlich und Ihre Dummheit ohne Beispiel. Sie sind eine Schande für Ihre Schule und für Ihre Familie, und ich zweifle nicht im Geringsten, daß Sie im spätern Leben es auch für Ihr Vaterland seyn werden. Wenn jenes Laster, welches uns als die Wurzel alles Uebels beschrieben ist, in der That dasjenige ist, als welches eS uns von den Sittenlehrern bargestellt ist, — und ich zweifle nicht an der Richtigkeit ihrer Behauptung
| — zu was für einer entsetzlichen Masse zukünftiger Ver- ; brechen und einstiger Gottlosigkeit, streuen Sie, unseliger , Knabe, jetzt den Samen aus! Jämmerlicher Faselhans I | Ein Knabe, welcher Se mit „und," anstatt, wie es hier - heißen soll, mit „aber" übersetzt, und zwar in einem ' Alter von 16 Jahren, ist nicht allein der Dummheit, Unwissenheit und unbegreiflichen Albernheit anzuklagen, sondern eines Verbrechens, eines todeswürbigen Verbrechens, kindlicher Undankbarkeit nämlich, bei der ich zittere, wenn ich an ihre Folgen denke. Ein Knabe, welcher sein griechisches Stück nicht durchgeht, betrügt den Vater, welcher Geld für seine Erziehung ausgiebt; ein Knabe, welcher seinen Vater betrügt, ist nicht fern davon, seinen Nachbar zu berauben oder zu bestehlen; ein Mann, wel, cher seinen Nachbar bestiehlt, zahlt die Buße für sein Verbrechen am Galgen, und nun fühle ich zwar mit solch einem Burschen kein Mitleid, denn er wird nach Verdienst abgethan, wohl aber mit seinen tiesbetrübten Eltern und ihrem gebrochenen Herzen, die durch seine Schandthaten in ein frühzeitiges Grab gestürzt werden, ; oder, wenn sie am Leben bleiben , ein unglückliches und ; verunehrtes Alter dahin schleppen. Jetzt weiter, junger Mensch, und ich warne Sie ernstlich, sich keines weiteren Mißverständnisses schuldig zu machen, weil Ihnen ein solches augenblicklich die Strafe der Ruthe zuziehen würde. WaS ist bas für ein Gelächter, welcher ungezogene Junge ist's, der sich's zu lachen untersteht?" donnerte der ^Doktor.
In der That, während der Meister der Schule diese Rede hielt, war hinter seinem Rücken ein allgemeines Kichern entstanden. Der Redner stand mit dem Rücken nach der Thür dieses alterthümlichen Zimmers gekehrt, welche offen geblieben, und ein Herr, welcher mit der Oertkichkeit ganz bekannt war — denn beide, fowohl Major Arthur, als Mr. John Pendennis waren in
