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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen

Zeitung.

1850. — Jlf 72.

Arthur Pendennis.

(Fortsetzung.)

Er war mehr als zwanzig Jahre älter als sie und zu keiner Zeit der feurigste der Männer gewesen. Viel­leicht hatte er in seiner frühern Zeit eine Liebesaffaire gehabt, welche er hatte an den Nagel hängen müssen. Vielleicht geschieht allen frühzeitigen Liebesaffairen ihr Recht, wenn sie |an den Nagel gehängt oder in irgend einem Gewässer versenkt werden, wie junge blinde Katzen. Wir wollen dies nicht untersuchen. Genug, in seinem drei und vierzigsten Jahre war er ein gelassener, stiller, kleiner Herr in schwarzen Strümpfen, mit einem kahlen Kopfe, und wenige Tage nach der Trauerzeremonie sprach er bei Miß Helene vor, und nachdem er ihr den Puls gefühlt, behielt er ihre Hand in der seinen und fragte, wo sie nun zu leben gedächte, nachdem die Familie Pon­typool auf das Besitzthum gekommen und die ganze Wirthschaft der Verstorbenen in Kisten genagelt, in Körbe gepackt, mit Stricken znsammengeschnürt, in Stroh ver­borgen und vor den Augen der armen Miß Helene unter drei Schlüsseln in die grünen Silbergeschirrkasten ver­schlossen worden war, — er fragte sie, wo sie denn nun zu leben gedächte.

Ihre Augen füllten sich mit Thränen, und sie sagte, sie wüßte es nicht. Sie hätte ein Weniges an Vermö­gen, die alte Dame hätte ihr ein Tausend Pfund hinter­lassen, und sie beabsichtige, in ein Kosthaus oder in eine Schule zu gehen, jedoch wohin wüßte sie nicht.

Da fragte Pendennis, ihr in das blasse Gesicht blickend und noch immer ihre kalte, kleine Hand in der seinen haltend, ob sie mit ihm kommen und sein Leben theilen wolle. Er wäre allerdings alt im Vergleich mit

— mit einer so blühenden jungen Dame, als Miß Thistle- wood. (Pendennis war aus der würdigen, alten Com- plimente liebenden Schule der Stutzer und Apotheker von ; Ehemals.) Doch wäre er von gutem Herkommen und, s wie er sich schmeichle, ein Mann von achtbaren Grund­sätzen und redlichem Gemüth. Seine Aussichten wären gut und verbesserten sich tagtäglich. Er stünde allein in der Welt und bedürfte einer freundlichen und treuen Lebensgefährtin, welche glücklich zu machen das Bestreben l seiner Tage seyn sollte. Kurz und gut, er hielt ihr eine ; kleine Rede, welche er sich diesen Morgen im Bette aus« ; gedacht und sich in seinem Wagen überhört und vervoll­ständigt hatte, als er gekommen war, der jungen Dame seine Aufwartung zu machen.

Vielleicht, wenn er früher eine Liebe gehabt hatte, so hatte auch sie eines Tages ans ein anderes Loos ge­hofft, als mit so einem kleinen Gentleman verheirathet zu werden, welcher Zähne herausnahm und Beinbrüche heilte und allezeit ein freundliches Lächeln bereit hatte; — ein Gentleman, welcher sich bemühte, dem Haushofmeister eine Artigkeit zu erweisen, wenn er die Treppe hinauf in daS Empfangzimmer schlüpfte, und ausnehmend herab­lassend war gegen daS Kammermädchen, welche an der Kammerthüre auf ihn wartete; — ein Gentleman, nach welchem ihre alte Gönnerin wie nach einem Bedienten zu klingeln pflegte, und welcher selbst mit noch größerer Pünktlichkeit, als ein solcher, erschien; welcher, wenn er Trânkchen eingab, Geschichten erzählte, um seine Patienten zu unterhalten und seinen Profit dabei zu machen: möglich, daß sie sich einen andern Gatten ge­wünscht hätte, aber sic wußte auch andererseits, was für ein würdiger, kluger und ehrenwerther Mann Pendennis sey, wie gut er gegen seine Mutter gewesen, wie aus­dauernd er für sie gesorgt; und das Ergebniß dieser Zwi­schenbetrachtung war, ^ah sie, bis an den Hals errathend