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seine Stunde sey gekommen. Er dachte den Präsidenten zu überbieten und gleichzeitig der Versammlung durch die Höhe seiner Bildung zu imponiren: er hielt jene Rede, worin er dem Ministerium Brandenburg-Manteuffel ersten Rang nach der Analysis deS Unendlichen zuer­kannte, und eö für die Hauptaufgabe seines Lebens er­klärte, so lange er denken könne, unser ruhmvolles Kriegs­heer zu preisen! Armer Wilhelm! eS war die Stunde deines Falles, und war der Augenblick, wo so viel Be­rühmtheit für ewig zu Grabe getragen ward: die Familie wird sich schon mit jenen beiden Dioskuren begnügen müssen—dir ist es nicht gegeben, den Glanz des Ramens Beer zu vermehren. Rie wohl ist eine solche Katastrophe so unerwartet über ein Parlamentsmitglied hereinge­brochen : in der festen Ueberzeugung von der Gediegen­heit seiner Rede, nahm er das anfänglich sprachlose Er­staunen des HauseS für ein Zeichen lebhafter Bewunde­rung, bis er, durch den AuSbruch eines schallenden Ge­lächters eines besseren belehrt, mit Angstschweiß bedeckt nach seinem Sitze schlich. So viel ich weiß, hat er seit­dem nie wieder gesprochen, sondern seine politische Thätig­keit auf Unterzeichnung der Stahl'schen Amendements beschränkt.

Theater

Hf Uhlands Ernst von Schwaben.

Ein von unS lange gehegter Wunsch ist in diesen Tagen in Erfüllung gegangen; Uhlaneö Herzog Ernst ist auf unserer Bühne zur Ausführung gekommen, und wir können nur mit der vollsten Anerkennung uns über das Bestreben deS hiesigen Theaters aussprechen, durch Aufführung klassischer Trauerspiele, zu denen wir ohne Bedenken Uhlands Ernst von Schwaben zählen, auch dem höheren Zwecke des Theaters zu genügen, nicht allein zu unterhalten, sondern auch den Geschmack zu bilden und Herz und Gemüth zu veredeln. Das war der Zweck des Theaters bei den Griechen, dasselbe erstrebten Lessing, Schiller und Goethe ; und auch an unserer Zeit ist eS, dem­selben Ziele das Theater allmählig entgegen zu führen.

Wohl legen sich diesen Bestrebungen große Hinder­nisse in den Weg; die Opfer der Theaterkasse, die ein gewisses Maaß nicht überschreiten dürfen, ohne den Be­stand der Bühne ganz zu gefährden, sind noch sehr be­deutend ; denn ein großer Theil deS heutigen Publikums liebt einmal nicht das Trauerspiel auS zarter Scheu vor jedem nicht gerade heiteren Eindruck, und zudem ist heutzutage die unselige Meinung noch sehr stark vertreten, klassische

Stücke von Schiller und Göthe seyen nur fürs Lesen da, und jede Aufführung derselben entwürdige die großen dich­terischen Schöpfungen. Wenn wir auch damit insoweit einverstanden sind, daß wir diele klassischen Tragödien nicht jedem Bühnenpersonale zur Aufführung pceiSgeben möchten, so billigen wir doch keineswegs die Selbstge­nügsamkeit, welche gar zu gerne in scharfer Kritik über anerkennenswerthe Leistungen ohne Weiteres den Stab zu brechen sich anmaßt. Bei Göthes Säkularfeier sind wir zu der Ueberzeugung gelangt, daß die hiesige Bühne klassische Stücke zu einer befriedigenden Aufführung bringen kann, und diese Ueberzeugung ist durch die Vorstellung der Braut von Messina noch mehr bestätigt worden.

Anders, als das Verhältniß der Schiller'schen und Goethe'schen Tragödien zum Publikum ist das des Her­zogs Ernst von Schwaben von Uhland, eine unbegreif­licher Weise in der Ration sehr wenig bekannte drama­tische Produktion eines der ausgezeichnetsten Lyriker un, serer Zeit, dessen Ruhm auf diesem Felde der Dichtkunst zum großen Theil mitgewirkt zu haben scheint, seit vielen Jahren seine Verdienste auf dramatischem Gebiete im Schatten zu erhalten. Wir haben gesagt, wir zählten unbedenklich den Herzog Ernst zu den klassischen Werken unserer dramatischen Poesie, wir werden bei einer, wenn auch nur flüchtigen Betrachtung finden, daß diese Tra­gödie in allen Hauptpunkten den Anforderungen an ein gelungenes Werk dieser Dichtart genügt: der Stoff ist âcht national; die Charaktere, die auf geschichtlichem Grunde ruhen, sind wahr, sie zeigen sich geschlossen und erfüllt von dem sie bewegenden Pathos; dabei aber ent­falten sie den nothwendigen inneren Reichthum , der sie uns als Menschen zeigt, welche durch ihren sittlichen Gehalt überall unser Interesse erregen: ihre Handlun­gen sind durchaus wohl motivirt, die Konflikte sind von der größten Einfachheit und aus dem Inneren der Helden hervorgehend; nirgends eine willkürliche, unmotivirte, äußerliche Zuthat; und diese Konflikte ergreifen die In- dividuen in ihrem tiefsten Herzen; und die sittliche Ge­rechtigkeit vollzieht sich bei Allen in dem Maße, als sie der tragischen Schuld theilhaftig geworden, aber nach den Kämpfen der sittlichen Mächte, nach den Opfern, welche ihnen gefallen, dringt wie daS Morgenlicht nach einer stürmischen, dunklen Nacht, der leuchtende Strahl der reinsten Versöhnung auf das Feld des TodeS.

(Fortsetzung folgt.)