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Versuch wagte, einen Moment einzuhalten im rasenden Lauf, trat die Schreckgestalt ihm aus dem Nachtdunkel entgegen und scheuchte ihn weiter, weiter, ohne Unter­brechung, ohne Stillstand, ohne Ruhe, »dem Gewühl der ihn Suchenden entgegen; denn ein Weib, das Krau­ter im Gebirge sammelte, war Zeugin seiner Unthat gewesen und hatte den Allarm in das Elbethal gebracht, und den Mörder der schnellen Rache überliefert.

In dem Augenblicke, als die Schergen Hand an den Todtschläger legten, trat Heinrich's Geist noch ein­mal aus dem Schatten überhangender Felsen hervor — Paul sah es deutlich — blickte ihn wehmüthig an, wies mit der Rechten nach Oben, als dem Urquell der Sühne, und zerflatterte dann in den Dämmerungen über den Höhen. Paul's Seele fühlte, daß der Todte ihm verziehen habe.

Von dem weiteren Verlaufe dieser Begebenheit jift noch zu berichten, daß Paul reumüthig der irdischen Gerechtigkeit seine Schuld bezahlte und Eva unverehlicht starb, da sie der Liebe abgeschworen hatte für'S Leben. An der Stelle, wo jener Mord geschehen, erhob sich nachmals wirklich eine Brücke, die noch heute zu sehen ist, und zur Stunde „die Todtenbrücke" heißt. Dieser Name findet gegenwärtig seine volle Begründung durch den Umstand, daß bis zu ihr die Leichen jener Bergbe­wohner gefördert werben, die des Winters im unzugäng, lichen Hochgebirge verstorben, und bis zu günstigerer Gestaltung der Kommunikation in Eisgewölben aufbe- halten worden sind. In und um Hohenelbe kennt Jeder die Todtenbrücke.

Nteyerbeer's Bruder

In den „Berliner Briefen" der Weserzeitung wird folgende Skizze von dem Bruder Mey er beer'S entwor­fen, welcher das Unglück hat, Kammer-Mitglied zu seyn.

An komischen Figuren, welche der Journalistenloge dann und wann durch ein spaßhaftes Intermezzo ihre trübselige Arbeit erleichterten, fehlte es Gott sey Dank nicht: nur steht leider zu besorgen, daß gerade diese Herren uns durch die Neuwahlen eskamotirt worden — die 500= Thalermänner sind zu gemüthlos, um bei dieser Haupt- nnd Staatsaktion Rücksicht auf die Reporter zu nehmen. In erster Reihe steht hier Wilhelm Beer, ein kleiner beweglicher Jude mit steifen Vatermördern, schwerer gol­dener Urkette, behäbigem Bauche, faltenlosem Gesicht und pfiffigem Auge — kurz eine jener Erscheinungen, deren Bestimmung man auf den ersten Blick durchschaut. Er ist geboren, um Geschäfte zu machen; der ihm angewie­

sene Lebenspfad beschränkt sich auf den Raum zwischen der Börse und seinem Comptoir: und um zwei Uhr dann allenfalls ein Spaziergang unter den Linden, wobei die gewonnenen Prozente mit schmunzelnder Miene berechnet werden und vor der Akademie die goldene Repetiruhr ge­stellt wird; Nachmittags und AbendS Paraviren mit der neuen Equipage und Berliner ästhetischer Thee. So weit war Alles ganz gut und Herr Beer, der voll Bon- hommie steckt, wußte dieser stillgemüthlichen Eristenz noch eine höhere Bedeutung durch seine Wohlthätigkeit gegen Arme und fromme Stiftungen zu geben. Das Unglück war nur, daß er zwei berühmte Brüder hat: der Unglück­liche glaubt sich nun um der Familienehre willen ver­pflichtet, ebenfalls ein berühmter Mann zu werden. Ob er je versucht hat, mit Meyerbeer in der Musik zu wett­eifern, wissen wir nicht — in die Öffentlichkeit wenigstens ist nichts von diesen Bemühungen gedrungen. Dagegen war er fest entschlossen, den Physiker zu überflügeln und, festhaltend an dem Grundsätze: „wenn ich mir Mühe gebe, kann ich es auch" — warf er sich mit allem Eifer auf Astronomie und Mathemalik. Bald hatte er die Freude, seinen Namen zum ersten Male auf dem Titel einer Broschüre gedruckt zu lesen, und an Lobrednern konnte eS einer freigebigen Börse nicht fehlen. Er befand sich auf dem besten Wege, zu einer literarischen Notabilität emporzuklimmen , worauf er sich natürlich um so mehr einbildete, da er eS eigentlich gar nicht nöthig hatte: als plötzlich die Nacht deS 18. März alle Träume von fried­licher Berühmtheit über den Haufen warf.

Wenn er in dem Taumel deS Jahres 48 unbeachtet blieb, so konnte er sich mit größeren Männern trösten: er wartete ruhig ab, bis sich die Wasser im November verlaufen und ein Gentleman wieder hoffen durfte, auf dem schlüpfrigen Felde der Politik festen Boden unter den Füßen zu finden. Nun aber entschloß er sich, Staats­mann zu werden und seinen erstaunten Mitbürgern zu zeigen, daß er lam artis quam Martis sey: er schrieb über die Gefahren des Dre königsbündnisseS für Preußen, wie früher über den anarchischen Lauf irgend eines Ko­meten, der möglicherweise für die Erde höchst lästig wer­den könne, und wirkte in seinem Bezirke fleißig für Peti­tionen um Beibehaltung des Belagerungszustandes und Vertrauensadressen an das Kabinet. Es ließ sich auch in der That nicht absehen, warum ein Mann, der in seinen Mußestunden Differential- und Integralrechnung verdaut, nicht so gut wie Held und Konsorten einen Politiker abgeben solle. Doch als schlauer Kopf verhielt Beer sich schweigend bis zur Vertagung der Kammer und sondirte genau sein Terrain. Erst nach dem Ende deS Frankfurter Parlaments, als Auerswald die Armee für die wahre Volksrepräsentation erklärt hatte, glaubte er.