Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — 67.
Die Todtenbrücke
wie gebannt zitternd am Boden und vermochte eS nicht,
(Schluß).
Mittlerweile war eS Nacht geworden und Paul sah ein, daß es für heute zu spät seyn würde, um noch zu Mârten's Gehöft hinauf zu steigen; er beschloß daher, lieber den Heimweg anzutreten, und sich in einer Schenke von Hohenelbe zu zeigen, damit jeder Verdacht um so mehr von ihm ferngehalten werve. ES war sehr dunkel und Paul sputete sich, auS dem Walde herauSzukommen, weil eS ihn zwischen den Bäumen unheimlich beengte wie Alpdrücken, und weil außerhalb des Forstes ihm ein schwacher Mondschein zu'Gute kam, den Heimgang erleichternd. Doch dieser Vortheil war trüglich; denn sobald er auS den Walvesschatten trat, stand der ganze Schauplatz seiner Unthat tageshell vor seinem inneren Auge und das Gedächtniß derselben fiel ihn an wie die gierigen Bisse von tausend Nattern.
Dort war der Erschlagene gestanden, dort hatte er Len Stecken gegen ihn erhoben, dort traf ihn der Todesstreich, dort hatte er üch in den letzten Zuckungen gekrümmt, dort mußte noch sein Blut — heiliger Gott! was war das?
Ein schmaler, weißer Streifen legte sich über den Fluß, blinkend wie Silber im Monbenlichte, ein Ufer mit dem andern verbindend, cs war gleichsam eine Brücke, die sich selbst erbaut hatte, und — Jesus! da stand der Todte!
f den stieren Blick des Gespenstes zu ertragen; dann raffte / er all' seine Kraft zusammen, drückte die Augen zu und s sprang, von der Stelle weg, behend in's Wasser, dem I' jenseitigen Ufer zueilend. Mit innerlichem Frohlocken stieg er drüben aufs Trockene — eine Zentnerlast fiel ihm vom Herzen, scheu blickte er auf seinen Weg, doch wehe, da stand abermals der Todte und schaute ihm finster blickend in's Gesicht und der Widerschein seiner Gestalt legte sich als Brücke über den Fluß.
Wehe! wehe! so hatte sich denn wirklich selbst eine Brücke aufgebaut, eine Todtenbrücke, und Paul sühlie, daß er Ler Rache verfallen sey, auf ewig! „Mörder! Mörder!" hallte es von den bleichen Lippen deS Ge. »speustes; „Kain! Kain!" krächzte einevorüberschwirrende Nachteule; „Todtsünder! Todtsünder!" schrillte es von ; den Felsen und aus dem Walde ringsumher, und wie von Furien gepeitscht, stürzte Paul fort, und lief, flog, stürmte gegen Hohenelbe zurück, rastlos, athemloS, sinnlos.
Und wohl that diese unermüdbare Hast ihm noth; i denn wie eine wilde Jagd erhob sichs jetzt weit und ' breit im ganzen Elbethal und auf dem Gebirge. Hör- ' ner erklangen, die Sturmglocken lauteten, Stimmen ; riefen ifich an und antworteteten sich einander, Waffen rasselten und Rüdengcbell mengte sich in den infernali, schen Lärm; es war, als ob eine tolle Aufregung Berg und Wald ergriffen hatte und alle Bewohner der Gegend sich im fieberhaften Taumel ausraseten. Paul's Kopf
Er war's! Heinrich, mit hohlen Augen starrte er - füllte sich mit Wahnsinnsgebilden , ein Schwindel schien auf seinen Mörder, seine ganze Gestalt war weiß, wie s ihn im Kreise zu drehen; er blieb stehen, um zu lau- von den Verklärungen des Jenseits und schimmerte wieder s schen , ans welcher Seite eS still sey, um dorthin^ zu im Spiegel der Fluth, so daß es anzuschauen war, als j entweichen; doch wehe! wieder stand der Todte am nâch, wölbe sich ein glitzerndes Band als Steeg über die Furth, i Pen Baume und sein grau,er Anblick stachelte ihn zu Paul's Blut fror in den Adern! Eine Weile haftete er neuer, ruheloser Hast, und so ost der Unselige den
