„JesuS , Maria, Joseph!" stöhnte der Mißhandelte, und stürzte gleich nachher, durch einen Hagel von Streichen gefällt, blutüberströmt zu Boden; Paul aber schlug in blinder Raserei fortwährend auf ihn loS, bis ihm die Kraft fehlte und er keuchend einhalten mußte.
Wehe, wehe! Heinrich war todt!
Paul erkannte dies sogleich, als er sich einigermaßen erholt hatte und auf den Regungslosen blickte; Grausen ging durch sein Gebein, es schüttelte ihn wie Fieberfrost. Noch einmal bückte er sich zu dem Todten nieder, aber keine Spur von Leben zeigte sich mehr; nur die Wunden dampften, und es schien ihm, als steige aus ihnen ein Rachegeschrei zum Himmel empor.
„Mörder! Mörder!" flüsterte der Abendwind in sein Ohr. „Kain! Kain!" rieselte die Fluth zu seinen Füßen. „Todsünder! Todsünder!" rauschte das Laub über seinem Haupte; eS kam ihm vor, als grinsten ihn von allen Seiten scheußliche Fratzen an— er schlug sich wie wahnwitzig vor die Stirne und heulte gleich einem wilden Thiere. Dann brach er in ein gellendes Lachen aus und murmelte dumpf: „Nun — wird sie noch Dein seyn, Dein, Dein? — So wenig sich selbst eine Brücke aufbaut über den Strom, ebenso wenig wirst Du die Dirne mehr Dein nennen. Ich will Dich sicher betten, so sicher und tief, daß Dein verliebtes Gefasel sie nimmermehr behelligen soll — nimmermehr!"
Er überdachte nun, was weiter zu thun sey, um sein Verbrechen vor Entdeckung zu sichern; eineMeile kämpfte er mit dem Abscheu, dann packte er den Leichnam, zerrte ihn durch den Fluß ans jenseitige Ufer, und verscharrte ihn dort in einer Grube des WalveS, welche er mit Aesten, Steinen und Gerölle anschüttete, bis sie dem Boden gleich war und keine Unebenheit mehr zeigte.
„Ha, ha!" grinste er, „geh' jetzt zu lieb Evchen, geh' nur und hole Dir ein Band von ihrem Mieder; vielleicht steigt auch eine Brücke von selbst empor, um Dir's bequem zu machen! — ja, ja, eine Brücke — eine Brücke bist Du selber mir geworden, über die ich nun anstandslos zu meiner Liebsten gelangen und sie besitzen kann! Eine Todtenbrücke!" (Schluß folgt.)
Eine toll gewordene Lokomotive.
Neulich ereignete sich auf der Nord-Kent-Eisenbahn bei dichtem Nebel ein Vorfall, der nur durch ein fast Wunderbares Zusammentreffen glücklicher Umstände mit der geregelten Thätigkeit der dem menschlichen Geiste
dienstbaren Naturkräfte und mit einem bewunderungswürdigen Maße männlichen Muthes ohne traurige Fol, gen blieb. Eine Reserv-Lokomotive mit angehängten Wagen war im Begriff, den oberen und unteren Schie, nenweg zu durchkreuzen, da, wo die beiden Linien zu, sammentreffen, nahe der alten Gravesend-Station , als ein mit Sand beladener Arbeitszug in sie hineinfuhr, dessen Führer in Folge des dichten Nebels keinen Gegen, stand vor sich bemerken konnte. Der Wagen, welcher glücklicherweise leer war, wurde durch den Sandwagen zerschmettert, und der Führer der Lokomotive, die Wirkung des Zusammenstoßens fürchtend, sprang unglückli, cherweise von seiner Lokomotive auf den Boden, als dieselbe , angespornt durch den beschleunigten Antrieb, wel, chen sie von dem Stoß mit dem anderen Zug erhalten hatte, mit voller Damskraft nach der Richtung der Gra, vesend-Station Zweiter fuhr, wo der nach London bestimmte Zug, im Abgehen begriffen, noch an der Seite der Plattform stand. Der Bahnwärter, der sich >daS Herannahen einer Lokomotive in solcher Eile nicht er# klären konnte, wandte die Drehscheibe so, daß die Maschine auf der Hauptlinie blieb, ,unb nun fuhr dieselbe mit großer Schnelligkeit an der Station vorüber. Im Augenblick als sie vorüber war, wurde der Vorfall so, fort durch den Telegraphen nach London gemeldet, und dort unverzüglich dem Direktorium der Eisenbahn mitgetheilt. Der Spezial-Direktor fuhr augenblicklich mit ei, ner Reserve-Lokomotive der flüchtigen entgegen und bald nach seiner Abfahrt brachte der Telegraph die Nachricht, daß dieselbe die Woolwich-Station passirt habe. ,
Unter der persönlichen Leitung des Direktors und anderer Beamten an der Londonbrücke-Station wurden augenblicklich Vorbereitungen gemacht zu dem Empfange der Lokomotive an der Station, wenn sie dort mit un, verminderter Schnelligkeit ankommen sollte, eben so um Übeln Folgen vorzubeugen, außer der Beschädigung an der Maschine selbst. Eisenbahnschwellen wurden auf die Bahn gelegt, und eine Lokomotive wurde dort festge- macht, um den Stoß aufzufangen. Die Reserve -Loko, motive mit dem Spezial-Direktor begegnete der entflohenen jenseits der vorletzten Station, fuhr schnell zurück um ihr zu folgen, und ging an dem Verbindungswege auf denselben Schienenweg über, wo sich die Davongelaufene befand, holte sie ein, und fuhr mit voller Dampfkraft auf sie los. D^r Führer seiner Lokomotive sprang mu# thig von der verfolgenden auf die flüchtige, wurde sogleich der Führung derselben Meister, und beide Maschinen kamen in London in bester Ordnung an der Londonbrücke, Station an. Das englische Blatt, welches diesen Vor- fall erzählt, macht auf den günstigen Umstand aufmerk, sam, daß der Zug an der Station von Graveseyd sich
