Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
1850. — M 64.
DesMaisers Vorreiter.
schlecht bekommen!" Da fuhren die Männer alle vor Schrecken von ihren Stühlen auf, wunderten sich, daß ich so gut deutsch spräche, versicherten, sie hätten ge, I glaubt, ich verstände es gar nicht, und baten mich him, melhoch, sie nicht zu verrathen ; am meisten aber waren mein Wirth und seine Familie bestürzt und flehten auf'S Beweglichste, sie nicht unglücklich zu machen.
Nun benutzte ich die Gelegenheit, den Herren recht tüchtig den Tert zu lesen. „Ich bin ein Sachse," sagte ich, „und Sachsen sind keine Verräther, darum haben Sie von mir nichts zu befürchten, aber ich bitte Sie um Ihretwillen, seyn Sie künftig vorsichtig, zumal Sie den Mann, den Sie so grimmig hassen, gar nicht zu kennen scheinen und er es am Allerwenigsten verdient!" Und nun hielt ich meinem guten Alexander eine Lobrede daß die ganze Gesellschaft gerührt wurde. Man lobte meine Rechtlichkeit und bot mir Geld zum Geschenke an, ich schlug es aber rund ab; nur als die Töchter deö Wirthes , eS waren zwei erwachsene hübsche Mädchen, sich erboten, mir meine Wäsche recht schnell in Stand zu setzen, so nahm ich das an; kurz, die Nacht und den Tag, wo ich noch dort im Quartiere lag, wußte man mir nicht genug Liebe und Aufmerksamkeit zu erweisen , und als ich endlich fortging, wurde ich noch mit Schinken, Wein und anderen Lebensmitteln auf's Reichlichste versorgt und mußte versprechen, wenn ich wieder einmal nach Basel käme, sie ja zu besuchen und nirgends anders als bei ihnen Quartier zu nehmen, denn ich wäre ein Ehrenmann, den sie nie vergessen würden; sie hätten nun auch eine ganz andere Meinung vom Kaiser Alexander, der gewiß ein guter Herr seyn müsse, da er solche brave Dienstleute hätte, und was dergleichen Schnack mehr war. Denn ob das Alles wahr war, weiß ich nicht, durch Basel bin ich zwar später noch einmal gekommen, konnte aber mein Ver-
lFortsetzung.)
Ein zweiter Spaß, fuhr der alte Bruckmann fort, begegnete mir in Basel. Dort wurde ich bei recht an, ständigen Bürgersleuten, bei einem Häfner, oder wie wir hier sprechen, einem Töpfer, der aber sein Geschäft im Großen betrieb, einquartiert und wohnte dort vier Tage, Nun hatte ich während meiner ganzen Dienstzeit bei den russischen Majestäten die Gewohnheit, mich ganz als Russen geltend zu machen und nur in außerordentlichen Fällen steckte ich meine deutsche Natur und Ab, fünft heraus. So geschah eS auch hier; ich redete mit den Wirthsleuten die Zeit hindurch, während ich bei ihnen wohnte, nur russisch, was sie natürlich nicht verstanden, und da ich that, als verstände ich ihr Deutsch nicht, meist nur durch Zeichen. Dies machte die Leute sicher, welche eine besondere Malice auf meinen guten Kaiser Alexander hatten und Abends, wo gewöhnlich noch mehrere anständige Männer zum Besuche hinkamen, da ging das Räsonniren auf den russischen Kaiser frank und frei auf's Schrecklichste los. So war das Ding drei Tage lang gegangen und da ich sah, daß eS sonst gute Leute waren, die es mir auch an nichts fehlen ließen, so hielt ich es doch endlich für meine Pflicht, sie zu warnen und vorsichtiger zu machen. Als sie darum am dritten Abende, eS waren vielleicht fünf bis sechs Männer da, so wieder recht im Zuge waren, und mein guter Wirth war der schlimmste darunter, so stand ich in meiner Ecke, wo ich saß, auf, ging an ihren Tisch, stellte mich militärisch vor sie hin und sagte deutsch: „Meine Herren, wenn Sie aus meinen Kaiser oder sonst einen mächtigen Herrn, der noch dazu in Ihrer Stadt ist, räsonniren wollen, so machen Sie das hübsch allein und unter sich ab, eS möchte Ihnen sonst einmal sehr
