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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. 68.

Des Kaisers Vorreiter.

(Fortsetzung.)

So hatte ich im Ganzen ein recht angenehmes Leben, nur daß ich schrecklich angebunden war, denn ich hatte bald keine freie Stunde mehr und wurde unter den Offi­zieren aller Art bekannt wie ein bunter Hund. Dabei ging es immer vorwärts nach Paris zu, aber unterwegs setzte es noch manches derbe Scharmützel. Da endlich sahen wir, es war im März 1814, die Thürme der Hauptstadt Frankreichs vor uns, eS lachte uns Allen vor Freude das Herz im Leibe und wir rückten auch so­gleich ein. Wir dachten nämlich, wir wären schon drinnen, weil so stattliche Häuserreihen da standen, aber eS war nur erst eine Vorstadt oder gar noch ein Dorf vor Paris gewesen und waren wir schon damit zufrieden, wie schön mußte es nun nicht erst wirklich drinnen seyn! Die Sache ging aber nicht so schnell, als wir dachten, denn auf einmal mußten wir über Hals und über Kopf wieder zum Tempel hinaus.

Wir hatten, als abgespannt war, Befehl erhalten, die Pferde die Nacht über nicht auszuschirren; da aber an meinem Fahrzeuge etwas entzweigegangen war, so nahm ich, während die Pferde ihr erstes Futter fraßen, die Geschirre herunter, schnallte meinen Mantelsack auf, in welchem ich zu kleinen eiligen Reparaturen Pfriemen, Nähnadeln, Bindfaden und Riemen hatte, und fing eben an, nach Herzenslust zu flicken, als auf einmal Allarm geblasen wurde und der Ruf: Patscholl patschol! d. h. schnell! schnell! von Stimmen aller Art durch die Ställe erscholl. Mit Mühe und Noth brachte ich noch in aller Eile die Geschirre auf meine Pferde, es wurde wie ein Wetter angespannt und sofort abgefahren, aber diesmal wieder rückwärts, denn nun ging erst die Komödie recht los.

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Wir retirirtcn, was wir konnten, und hatten erst alle Noth, durch die Massen von Regimentern und Ge­schützen hindurchzukommen, die hinter uns her marschirt waren und um Paris herum standen; da hieben die uns begleitenden Gardekosaken mit der Knute rechts und links unter die Soldaten und unsere Räder sind gewiß manchem armen Teufel über die Beine gegangen, bis wir endlich hinter der Linie waren und ungefähr vier Stunden von Paris rückwärts wieder Halt machten. Da ging aber eine mörderische Schlacht vor uns loS und die Geschütze krachten wre bei Leipzig, endlich hieß es, nachdem einen ganzen Tag und eine lange Nacht hindurch ununterbro­chen gefeuert worden war, die Franzosen wären geschla­gen, Paris habe sich ergeben und wir würden nun wirk, lich in die große Stadt, nach der wir uns schon so lange gesehnt hatten, einziehen. Und das geschah auch.

Am 30. März Vormittags um 11 Uhr ritten der Kaiser Alexander und der König von Preußen in Paris ein, wir fuhren mit den Equipagen hintendrein. Zn allen Straßen und Fenstern, ja auf den Dächern wimmelte eS von Menschen, die uns entgegen schrieen und weiße Tü­cher schwenkten. Die Frauenzimmer besonders drängten sich an uns heran, und klopften unsere Pferde mit ihren Händen. Wir brachten mehrere Stunden zu, ehe wir durch alle die Straßen mit den hohen Häusern bis auf einen großen, schönen Platz kamen; hier standen eine ganze Reihe französischer vornehmer MadameS, die fielen vor dem Kaiser Alexander nieder, küßten seine Füße und baten ganz kläglich und mit vielen Thränen, er möchte sich der Stadt erbarmen und sie üicht plündern lassen. Wir glaubten erst, die Madames bäten um ihre Männer, die vielleicht gefangen seyen oder sonst etwas verbrochen hätten und es rührte und ordentlich selbst; hinterher aber, als wir erfuhren, was sie dem Kaiser vörlamentirt hatten, da wurden wir bitterböse auf sie,