Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. — JV» 60.

Des Kaisers Vorreiter.

(Fortsetzung.)

Am anderen Tage sollten wir mit unseren Attesten im Quartiere des Großfürsten uns melden; als wir , aber zur bestimmten Stunde ins Haus eintreten wollten, ließen uns die vor demselben stehenden Schildwachen nicht eiw Wir warteten also geduldig auf jder Gasse und sahen immer hinauf zu den Fenstern des Großfürsten, da kam endlich ein Offizier herunter, und führte uns hinauf auf den Vorsaal, wo wir uns in Reih' und Glied, auf­stellen mußten. Nachdem wir eine ziemliche Weise so dagestanden hatten, kam der Großfürst mit dem Stall­meister, ging bei uns vorüber, und würdigte uns keines Blickes, mir aber gefiel der Herr auch nicht, denn er sah böse aus und hatte röthlichc struppige Haare. Nach einiger Zeit kam der Stallmeister allein zurück, trat an mich heran, und fragte mich in gebrochenem Deutsch: Ob ich der Kutscher wäre, welcher die gekauften Pferde bisher bedient hätte? Als ich es bejahte, fragte er: Ob ich gut fahren könnte? Ich antwortete: Ich glaub's! und reichte ihm das Attestat meines letzten Herrn hin, er schob aber meine Hand mit dem Papiere zurück und sagte: „Nir! wie viel willst du haben?" Ich saßte mir ein Herz und sagte, wie mir mein Herr geheißen hatte: „Monatlich sechs Dukaten!" „Down," antwortete er, „sollst haben, heute Abend Glock acht hier seyn mit Sack und Pack!" und gab mir einen schönen neuen Dukaten als Handgeld."

So waren wir denn entlassen und ich in gefangenen Händen. Es war mir auch in den ersten Stunden etwas wunderlich zu Muthe, indessen, der schöne Lohn, und daß ich meine lieben Rappen wieder bekam, beruhigte mich etwas; ich packte meine Sachen zusammen, nahm von

meinem Herrn Abschied, der mich noch mit guten Rath, schlägen und Wünschen entließ, und meldete mich zur angegebenen Stunde pünktlich beim Stallmeister. Dieser war freundlich, band mir vor Allem die Pferde aus die Seele, befahl mir, in Allem pünktlich Folge zu leisten und mir besonders die Worte zu merken: kak edo sowut, d. h. was ist das? damit ich nach und nach russisch spre­chen lerne. Hierauf übergab er mich einem Stallaufseher, welcher mich in das Quartier führte, wo die fürstlichen Pferde standen. Als ich in den Stall trat und meine Rappen meine Stimme hörten, wieherten sie laut und ich umhalste vor Freude die guten Thiere, worüber der Stallaufseher herzlich lachte, mir auf die Schultern klopfte und dann sagte, daß morgen um acht Uhr die Reise fort­gehen würde, dabei auch bemerkte, daß ich, wie es bei den Russen Sitte sey, nur bei dem Vornamen: Gottlieb! würde genannt werden.

Am anderen Morgen hielten wir Punkt acht Uhr mit unserem Sechsspänner im Hause deS Großfürsten. Mir klopfte das Herz etwas unter der neuen Uniform, denn nun ging eS fort in die Welt und ich sollte meine Probefahrt machen und eS ist deS Gelenkes wegen ge, rade nicht leicht, bei einem Sechsspänner Vorreiter zu seyn. Es hatte sich eine Menge Volkes versammelt, welche die Abreise deS Großfürsten sehen wollte; viele von meinen Bekannten standen vor der Thüre und alS wir zum Hause hinausfuhren, da erscholl eS von mehrerer Seiten: „Adieu, Gottlieb!" Die Sache ging übrigens besser, als ich gedacht hatte, ich richtete mich bald ein, es ging mir auch nichts ab, doch erstreckten sich deS Groß­fürsten Launen, unter denen seine ganze Umgebung leiden mußte, selbst zuweilen auch auf mich armen Vorreiter und ich bekam manchmal Strips, d. h. Schläge, ich wußte oft nicht warum? Einen Monat darauf stießen wir zum Kaiser Alexander und blieben von da an meist in dessen