Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 59.
Des Kaisers Borreiter.
(Fortsetzung.)
„Meine Eltern waren arme, niedere Leute, etliche Stunden von hier. Sie wohnten zur Miethe, der Vater arbeitete auf Tagelohn und wir Buben mußten, sobald eö ging, auch unseren Theil zum Lebensunterhalte beitragen. Im Frühjahre und Sommer ging's in die Beeren und auf'S Aehrenlesen, im Herbste und Minter trugen wir Laub und Holz ein und spannen, denn dazumal wurde noch viel mit der Hand gesponnen; meine ganze Lust aber waren die Pferde; wo ich nur auf ein's kom, men konnte, da gescha's gewiß und ich freute mich immer deßhalb auf den Sommer, weil ich da für die Knechte Abends die Pferde in die Schwemme reiten durfte. Zwar wurde ich oft genug abgeworfen und kam wie eine gebadete Maus nach Haus; daS schreckte mich aber nicht ab, sondern machte mich nur um so dreister und begieriger auf’S Reiten; und als nun vollends einmal eine Woche lang Dragoner in unserm Dorfe im Quartier lagen, da träumte ich Tag und Nacht davon, auch einmal ein Reiter werden zu wollen, und ärgerte mich nur, daß ich noch nicht aus der Schule war. Als ich nun endlich zum Gottestische gegangen war, vermiethete ich mich, mußte aber freilich mit den Ochsen anfangen. Das war mir nun gar nicht recht, das Viehzeug ging zu langsam für mich und war zu dumm, ich konnte nicht mit ihm reden. Ich wurde deßhalb auch meines Lebens nicht eher froh, bis ich Pferdeknecht wurde und nun selbst ein Paar Gäule in die Hand bekam. Ich weiß eö heute noch, wie stolz ich mich fühlte, als ich das erste Mal damit hinaus auf den Acker zog.
Aber auch Das wollte mir später nicht recht mehr gefallen, das Ackern und Eggen, Mistfahren und Getreide- Einfahren ging mir nicht genug auS dem Zeuge; schnell
fahren und reiten, daS war meine Sache, darum fiel mir's wie eine Binde von den Augen, als ich einmal auf einem Jahrmärkte in der Stadt einen Postillon in der gelben Jacke und ein lustiges Stückchen blasend eine vierspännige Ertrapost durchfahren sah. Postillon mußt du werden! das war mein Vorsatz, und ich ruhte nicht eher, bis ich mein Ziel erreichte. Es glückte mir auch, ich bekam einen Dienst bei einem Postmeister und die nächsten Weihnachten zog ich ein.
Nun war ich nach meiner Meinung ein gemachter Mann, aber nach einiger Zeit wollte mir'S auch nicht recht mehr gefallen: Ewig nur denselben Weg bis auf die nächsten Stationen, meist elende, abgetriebene Pferde, Tag und Nacht keine Ruhe! Doch lernte ich dabei tüch, tig fahren, zweispännig und vierspännig, vom Sattel und vom Bocke aus und hielt sechs Jahre bei meinem Herrn auS. Da ging ich ab und bekam einen Kutscherdienst; daS gefiel mir besser, ich hatte ein Paar hübsche Pferde, wie ich sie mir längst gewünscht hatte und eS war doch Abwechselung in der Sache. Da ich auf meine Thiere hielt und gut fahren konnte, war auch meine Herrschaft mit mir wohl zufrieden und ich wäre wohl länger noch'dort geblieben, wenn nicht ein ganz beson- derer Fall mir einen neuen Posten verschafft hätte.
Es war im Sommer 1813, als der russische Großfürst Constantin mehrere Tage in der Stadt, wo ich biente, sich aufhielt, und da ihm eins von seinen vordersten Kutscherpferben gefallen war, wollte sein Stallmeister ein Paar neue Pferde kaufen. Sämmtliche Pferdebesitzer der Stadt mußten zu einer bestimmten Stunde ihre Pferde auf dem Markte aufstellen und unter ihnen wählte sich nun des Großfürsten Stallmeister das Paar auS, welches ihm daS tauglichste schien. Seine Wahl fiel auf die meinigen, denn eS waren ein Paar spiegelglatte, tüchtige und gesunde Rappen und mein Herr bekam sie
