und o Gott, mit leeren Händen! — Der Einnehmer war auf einige Tage verreist, und hatte die Schlüssel der Kasse nicht zurückgelassen!
Sprachlos war das gute Weib am Lager ihres jüngsten, kranken Kindes niedergesunken, heiße Gebete zum Himmel emporsendend; — still weinend hatten die Kinder sich in die entferntesten Winkel des ZimmerS zurückgezogen, die gute Mutter in ihrem Kummer nicht zu stören; doch als es endlich wirklich Nacht geworden, der laute Lärmen auf der Straße verstummte, die Eltern und ihre Kinder sich in die Häuser zurückgezogen, und jetzt, bald hier bald dort, der reich aufgeputzte Christbaum, mit seinen unzähligen Lichtern, die Stadt gleich einem Feuermeer erhellte, die Straßen des Städtchens im bunten Farbenspiel erglühten, und die Kinder Mathilden's, von Neugier und Sehnsucht getrieben an die Halbgefrornen Fenster eilten, wo sie, gleich einem prächtigen Pano- rama, das Städtchen, das tief unter ihnen ausgebreitet dalag, so daß sie fast in jed^s der Fenster der Häuser blicken konnten, mit rührendem Kummer überschauten, da brach ein Weinen und Wehklagen auch aus ihrer Brust hervor, das der Mutter Herz noch mehr angriff!! — Horch! Horch! — Was war das? — War das nicht das Rollen eines Wagens? — War dieses Rollen nicht auf dem alten, verwitterten Pflaster deS zum Schlosse gehörenden Hofes? — Ja, ja, so war es! — Ein Wagen war in denselben eingefahren, und die Mutter und die Kinder, von freudiger Ahnung ergriffen, stürzten, wie auf allgemeine Verabredung die breite Treppe hinab, und — sie hatten sich nicht getäuscht; ein Wagen war hereingefahren, und — in diesem saß der heiß ersehnte Gatte, der liebevolle Vater tiefbetrübter, halbverzweifelter Kinder! — Wie soll ich ansangen? — Wie soll ich enden? — Wie wird meine Feder im Stande seyn, all' die Freude und den Jubel, den Uebergang vom tiefsten Schmerz zur höchsten Wonne zu schildern? Der schon verloren gegebene Gatte, der von den Kindern so sehnsuchtsvoll erwartete Vater, war es wirklich und wahr, hastig, der nun wieder gesund und wohlbehalten ihnen gegenüberstand, und laut jubelnd eines nach dem andern seiner Lieben an den stürmenden Busen drückte, ach! und noch vorgestern, noch gestern hatte er selbst nicht an die Möglichkeit geglaubt, schon heute im Kreise seiner theuren Familie einzutreffen, und nun war es wirklich so, denn die Belagerer und die Belagerten, schon lange in Unterhandlung stehend, waren endlich dahin übereingekommen: daß die Franzosen die beiden Zitadellen besetzt behalten, den Preußen aber am 24. Dezember die Stadt mit ihren Werken übergeben werden solle, und auf so lange jede Feindseligkeit zu unterbleiben habe, bis andere Ordre von den am Rhein sich feindlich gegenüberstehenden Heeren
eingetroffen, oder der Friede zwischen den Alliirten und dem Kaiser unterzeichnet sey.
Am 24. Dez. 1813 hatten die Preußen ihren Einzug in Erfurt gehalten, und Jedem, der sich unfreiwillig in dieser Stadt befand, die Erlaubniß gegeben, dieselbe unverzüglich verlassen zu können, und Mathildens Gatte war einer der Ersten, der von derselben Gebrauch gemacht!, und war so gerade in jenem Augenblicke eingetroffen, in welchem die Noth der Seinen auf'ö Höchste gestiegen. (Forts, folgt.)
Das Berliner Kind.
(Schluß.)
. Was die Religion betrifft, so hat das Berliner Kind keine. Die großen, heiligen Schrecken der Religion sind für dasselbe nicht da. Es hat Witzspiele, komische Einfälle, im weitesten Falle Maximen und moralische Sprüche, die bei ihm die Stelle jenes mystischen Tiefsinnes ersetzen, dem einige Völker huldigen. Darum hat die Kirche als äußeres Zwangsmittel auf den Berliner nie eine Macht geübt und wird nie eine üben. Das Berliner Kind ist Materialist; es glaubt an keine Zukunft und will leben und genießen. Wenn ganz Europa an einem großen schauerlichen Aschermittwoch aller Völker in Sack und Asche ginge, der Berliner würde sich dem Zuge anschließen, aber seinen Paletot und seine gelben Glacehandschuhe anbehalten. Diejenigen Philosophen, die eine große Geheimlehre predigten, sind auch nie in Berlin verstanden worden, aber die Apostel 6 er Diderot- Voltaire'schen Schule, die modernen Skeptiker jeder Richtung sind mit Jauchzen ausgenommen worden.
Was das Aeußere betrifft, so vermeidet das Berliner Kind alles Auffällige. Es ist der elegante junge over alte Mann der neuen Zeit. Jede geschmacklose Abnormität der Mode verschmäht eS. Es überläßt es den Straßenläufern und geringen Stutzern, sich auf diese Weise bemerkbar zu machen. Es kleidet sich fein, in dunkele Farben und sorgt für eine höchst saubere Wäsche. Wenn es einen Wagen hat, so hat eS einen guten, bequemen, keinen auffälligen; besitzt es ein Landhaus, so zeigt dieses keine schlecht gearbeiteten Statuetten und verunglückte Versuche zu Springbrunnen und hängenden Gärten, sondern ist einfach und wohnlich. Den lästigen Schmuck überläßt es den reichen, jüdischen, geadelten Banquiers, die sich lächerlich machen und noch dafür bezahlen. In der Sprache merkt man ihm nicht den Berliner an, und wenn man das Berliner Kind in dem lächerlichen Berliner PatoiS, wie er in den Possen im Königstädter Theater gesprochen wird, wollte auftreten
