Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem
1850. — M 50.
Die Heimkehr.
lGrenzboten)
Mathilden'- Gatte, mit allen Eigenschaften eine- tüchtigen Verwaltungsbeamten ausgestattet, hatte lange geschwankt, sich um eine derartige Stelle zu melden; alle Beschwernisse und Gefahren wurden von ihm auf das Genaueste erwogen; die, wenn auch nur sechs Stunden betragende Entfernung von seiner ihm über Alles theuren Familie, die in den Spitälern herrschenden bösartigen Nervenfieber, die der Festung Erfurt vielleicht bevorstehende Belagerung und Beschießung, kurz? alle möglichen Fälle wurden von ihm auf das Sorgfältigste überdacht, wenn er aber nun wieder die noch immer traurige Lage der Seinen überblickte, die glanzende Bezahlung der französischen Beamten in Erwägung zog, und dann auch noch die Hoffnung daran zu knüpfen suchte, daß, wenn man einmal seine Brauchbarkeit erkannt, ihm dereinst vielleicht auch eine andere Anstellung zu Theil werden könnte, so schwanden alle Zweifel und Befürchtungen, und trotz der Bitten und Beschwörungen seiner geliebten Mathilde, von diesem Plane abzustehen, setzte er ihn endlich dennoch durch. Die Eingabe ward gemacht, und schon nach einigen Tagen wurde ihm durch den Bürgermeister des Städtchens, dessen gütige Vermittlung er dabei in Anspruch genommen, die freudige Meldung zu Theil, daß er in dem Hospital des ehemaligen Nonnenklosters „Zum Neuen Werk" in Erfurt zum Unterinspektor ernannt und sogleich seine neue Stellung einzunehmen habe. „Auch," fügte der Bürgermeister noch freundlich hinzu, „habe man in Anbetracht seines rechtschaffenen Wandels und in Erwägung seiner zahlreichen Familie, beschlossen: Seiner braven Gattin, die im Rechnen und Schreiben gar wohl erfahren sey, auch ferner und bis zu seiner Wiederkunft, den kleinen Dienst nebst freier Wohnung zu belassen."
Voll der freudigsten Hoffnung auf eine bessere, frohere Zukunft, eilte nun der neue Unter-Inspektor nach Hauje zu seiner geliebten Mathilde, ihr die frohe Kunde zu bringen, doch statt Freude und Entzücken fand er hier nur Angst und Kummer, denn jetzt, da es zur Gewißheit geworden, daß er sie und seine Kinder bald, und vielleicht auf lange Zeit, verlasse, hatte namenlose Besorgniß des armen WeibeS Herz erfüllt; sechs kleine unmündige Kinder, wovon das älteste noch nicht dreizehn Jahre zählte, das siebente in baldiger Erwartung, war es da ein Wunder, wenn der bangen Mutter Blick sich in die Ferne verirrte, und dort die Möglichkeit gewahrte, daß der Vater, der Ernährer dieser Kleinen vielleicht umkommen könne im eifrigen Berufe seines neuen Dienstes, daß sie dann hülflos und verlassen mit den zarten Kleinen der Gnade und Barmherzigkeit fremder Leute anheimfallen müßte? Nein! gewiß nicht, und doch gelang es endlich den beredten Worten des besorgten Gatten, alle die trüben Ahnungen aus dem Gemüthe des geliebten Weibes zu verscheuchen, und beruhigter schritt sie nun zur Ausrüstung der nahen Abreise des ihr so theuren Mannes. Das Beste, was an Kleidungsstücken und Wäsche noch vorhanden war, wurde nun sorgfältig von ihr eingepackt, Alles gereinigt und ausgebeffert, und wenn auch nicht glänzend und prächtig ausgerüstet zu seiner neuen Stellung, so war doch Alles nett und sauber, waS er an und um sich hatte, doch von dem noch vorrâthigen wenigen Gelde nahm derselbe nur so viel mit, als er zur höchsten Nothburft unumgänglich gebrauchte, alles Uebrige ließ er seiner Mathilde zurück, die damit, be- reislicher Eintheilung, woran es ihr noch niemals gefehlt, ungefähr im Stande seyn konnte, bis zu Ende des Monats, wo die französischen Beamten ausbezahlt zu werden pflegten, auszukommen.
So war denn nun endlich Alleö geordnet und vor-
