Der Wanderer.
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Bellettistisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — .M 47.
Memoiren eines Champagnerthalers
(Schluß).
Während den Angekommenen mit Ernst und Würde Plätze angewiesen und volle Pokale vorgesetzt wurden, begann die Meute, welche fich weniger um den Komment zu kehren schien, ein Geraufe, durch welches das eben in vollem Chor angestimmte Lied:
„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los" nicht nur nicht gestört, sondern vielmehr auf eine paffende Weise akkompagnirt zu werden schien.
Als aber die Sänger schwiegen, wurde durch einige wohl angebrachte Hetzpeitschenhiebe auch die Ruhe unter dem Tische hergestellt , was um so nothwendiger war, als daselbst Platz für mehrere !der verehrlichen Zecher nöthig wurde, welche sich nun verschiedene Ehrentitel zuriefen, als da sind: „Doktor, Privatvozent, Rezensent, Notar, Professor, ja sogar Pabst!" worauf jedesmal der Titulirende wie der Titulirte ein Bedeutendes tranken. Ich bemerkte, daß mehrere der Herren Füchse von den „Altburschen" und „bemosten Häuptern" als Doktoren begrüßt wurden, worauf sie jedesmal sich von ihren Sitzen erhoben, sehr artig die Mützen abnahmen und einen Schoppen ausstürzten.
Einer der Fremdlinge faßte ebenfalls meinen Besitzer scharf in's Auge und rief ihm zu: „Fuchs! Doktor!" Viel zu bescheiden aber, um sich einen solchen Titel anzumaßen, lehnte dieser das Kompliment auf eine mehr als lakonische Weise ab, indem er stillschweigend den Rest in seinem Pokale auf den Boden schüttete.
Der Andere schien den Sinn dieser Handlung gehörig zu würdigen und in den Jveenkreis meines Besitzers einzugehen, indem er früher ertheilten Doktortitel alsbald in den Ausruf „dummer Junge!" abänderte, worauf
mein Inhaber ein trockenes, und, wie es schien, billigendes „Ist gut!" erwiederte.
Von diesem Augenblicke kam jener Ausruf sehr in Schwang, und die beiden Fremdlinge schienen in keiner andern Absicht gekommen zu seyn , als um dieselbe Benennung etwa ein Dutzendmal dem Einen zu geben, und von den Andern zu erhalten.
Ich weiß nicht, wie es kam! Zwei Tage später stan, den mein Besitzer und der Fremde sich mit blanken Schlägern gegenüber, bei welcher Gelegenheit ich meinem Herrn das Leben rettete, indem ich einen Stoß des Gegners auffing und die Spitze seiner Waffe krumm bog. Bei dem Trinkgelage, welches mein Eigenthümer zur Siegesfeier hielt (denn er hatte dem Fremden eine dreikantige, blutende Stoßwunde versetzt), trug ein „altes HauS" demselben an, mit ihm Brüderschaft zu trinken. Zwei Minuten nachher vertraute er ihm den Umstand einer kleinen Geldverlegenheit, und der von Stolz und Rührung trunkene Fuchs (er war keineswegs le renard subtil Cooper's!) gab ihm seine ganze Börse. Den nächsten Tag schon sollte ich den eigentlichen Zweck meines Daseyns erfüllen, renn mein neuer Eigenthümer warf mich dem berühmtesten Restaurateur der Hauptstadt für eine Bouteille Sillery mousseux hin, die er zum Frühstück ausgestochen.
Der Restaurateur steckte mich, sobald seine Gemahlin sich einen Augenblick entfernt hatte, mit bedeutungsvoller Miene in das Mieder seiner Favorit-Aufwârterin, und diese gab mich nebst einigen andern vollgültigen Münzsorten in Gold und Silber, die sie von verschiedenen Stammgästen auf eben so mysteriöse Weise erhalten hatte, für einen Shawl aus, welcher der Gattin des Präsidenten zu theuer gewesen war.
Der Kaufmann, welchem sie mich ausbezahlte, schloß Abends seinen Laden, ging in ein WeinhauS, und ver-
