Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen,
1850. — 3f 45.
Memoiren eines Champagnerthalers.*)
Von Karl Wilh. Vogt.
Der Mensch bildet sich Wunder ein, welch' eine wichtige Rolle er hienieden spielt. Mit stolzem Munde nennr er sich den Herrn der Erde; doch muß er die Richtigkeit des Sprichworts eingestehen: „Geld regiert die Welt", und ich insbesondere kann so einem Eingebildeten mit voller Wahrheit sagen: „Was Sie, mein Herr! erst werden müssen, bin ich schon lang gewesen!" Zu Staube wird er gemacht durch Verwesung, ich bin aus Staub entstanden durch verschiedene in der Münzstätte mit mir vorgenommene Manipulationen — und zwar aus Silberstaub.
Der Mensch mag immerhin Herr der Erde seyn, er ist ein Sklave des Geldes. Menschen sind es, welche den Staatskörper bilden; der edelste Theil aber eines Körpers ist das Blut — und Geld ist das Blut des Staatskörpers, denn wie der Geldumlauf stockt, so ver, wirrt sich ver Lebensprozeß des Staates.
Wenn nun dec Mensch „in seines Richrs durchbohrendem Gefühl" Memoiren schreibt, wenn Napoleon'S Kammerdiener der staunenden Nachwelt die getreuesten Berichte hinterläßt, wie oft der Kaiser ein Bad oderein frisches Hemd genommen; warum sollte ich meine eigenen Schicksale nicht aufzeichnen, ich! ein Mitregent der Welt. Was ist Frankreich gegen die Welt?
Mein Avel ist uralt. Meiner Ahnen Geschlecht bewohnte Jahrtausende lang die Andern der mexikanischen Gebirge. Gottselige Spanier brachten den harmlosen Menschen jener Gegenden endlich die Wohlthat der Inquisition und hetzten die 'Eingeborenen .mit Hunden in die Gebirgsklüfte, um solche zu durchwühlen und den
*) Wie mqn die 3'/, Guldenstücke scherzweise zu nennen pflegt.
darin verborgen liegenden Silberstufen die Aufklärung, das Tageslicht zu bringen. Meine Voreltern traf gleiches Geschick. Sie wurden als Barren nach Europa gebracht und daselbst zu verschiedenem Geräthe verarbeitet, welches abermals einige Jahrhunderte bei einer soliden Bürgerfamilie im Schranke stand, und nur bei höchst feierlichen Gelegenheiten, als Hochzeiten und dergleichen hervorge, holt wurde.
Gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts aber traten harte Zeiten ein, das Silbergeräthe der ehrsamen Bürgersleute wurde umgeschmolzen und zu Geld geprägt. Im Verlaufe der Jahrzehnte kamen diese Geldstücke theils einzeln, theils in größern Massen durch und in die Hände eines Mannes aus jenem Geschlechte, von welchem ein berühmter Humorist sagt: daß es gleich nach seiner Geburt sich einen Coupon abschneide, um ihn für das jenseitige Leben zu verzinsen.
Mit besagtem berühmtem Humoristen war dieselbe überirdische Finanzspekulation vorgenommen worden, vermuthlich aber sind ihm nun Kapital und Zinsen verloren, da er den mosaischen Kredit, zu deutsch Glauben, verlor und nach weggeworfenem Talmud zu Doktor Luther'S Bibelübersetzung griff.
Jener Mann nun hatte eine außerordentliche Vorliebe zu dem Geschleckt meiner Ahnen, denn auch seine Bor, eltern waren gewaltsam aus ihren rechtmäßigen Sitzen vertrieben worden, unv sein Geschlecht mußte gleich dem unsrigen unstät in der Welt cursiren, oder vielmehr va- giren, nur daß man seines eben nicht so sehr haßte und mit empörender Grausamkeit oft verfolgte, als man das unsere liebte. Er trieb diese Liebe so weit, daß er alle ihm in die Hand kommenden Münzen beschnitt. Er hoffte wahrscheinlich durch diese Zeremonie auch uns dergroßen Verheißung seines Volkes theilhaftig zu machen: „Daß wir zahlreich werden sollten, wie der Sand am Meere,
