Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^ 4S
Niedersächstsehe Zwergfagen.
(Fortsetzung.)
Die Zwerglöcher und der Abzug der Zwerge.
Auch auf der Nordseite des Harzes wohnten einst viele tausend Zwerge in den Felsklüften und in den noch vorhandenen Zwerglöchern. Aber nur selten erschienen sie den Landesbewohnern in sichtbarer Gestalt, gewöhnlich wandelten sie, durch ihre Nebelkappen geschützt, ungesehen und ganz unbemerkt unter ihnen umher. Manche dieser Zwerge waren gutartig und den LandeSbewohnern unter gewissen Umständen sehr behülslich, die bei Hochzeiten und Kindtaufen mancherlei Tischgerâth aus den Höhlen der Zwerge erborgten. Nur durfte sie Niemand zum Zorn reizen, sonst wurden sie tückisch und bösartig? und thaten dem, der sie beleidigte, allen möglichen Schaden an.
In dem Thal zwischen Blankenburg und Quedlinburg bemerkte einst ein Bäcker, daß ihm immer einige der gebackenen Brode fehlten, und doch war der Dieb nicht zu entdecken. Dieser beständig fortdauernde geheime Diebstahl machte, daß er allmâhlig verarmte. Endlich kam er auf den Verdacht, die Zwerge könnten an seinem Mißgeschick Schuld seyn. Er schlug also mit einem Geflechte von schwanken Reisern so lange um sich her, bis er die Nebelkappen einiger Zwerge traf, die sich nun nicht mehr verbergen konnten. Es wurde Lärm. Man ertappte bald noch mehr Zwerge auf Diebereien und nöthigte endlich den ganzen Ueberrest beS Zwergvolks auszuwan, dern. Um aber die Landeseinwohner einigermaßen für das Gestohlene zu entschädigen und zugleich die Zahl der Auöwanvernden überrechnen zu können, wurde auf dem jetzt sogenannten Kirchberg bei dem Dorf Thale, wo sonst Wendhausen lag, ein großes Gefäß hingestellt, worin jeder Zwerg ein Stück Geld werfen mußte. Dieses Faß '
fand sich nach dem Abzüge der Zwerge ganz mit alten Münzen angefüllt. So groß war ihre Zahl. — Das Zwergvolk zog über Wahrnstedt unweit Quedlinburg immer nach Morgen zu. Seit dieser Zeit find die Zwerge aus dieser Gegend verschwunden. Nur selten ließ sich seitdem hier und da ein einzelner sehen.
Nicht weit vom Schlosse Scharzfeld (auch in Elbingerode und im Rübenlande) finden sich ebenfalls oben an der Decke der Felsenhöhlen des Harzes runde und andere kleine Höhlungen, die der gemeine Mann die Zwerglöcher nennt und für die Ein- und Ausgänge der Höhlen hält, wodurch die Zwerge vor Alters vermittelst einer Leiter sollen ein- und ausgestiegen sepn. Die Zwerge hatten ihre Wohnungen in den Höhlen, wo sie ganze Paläste hatten, schöne Bilder und Säulen, schöne Brunnquellen und fließendes Wasser, Alles aus Tropfstein wie von Menschenhand gebildet, wie einstmals fünfundzwanzig Männer selbst wahrgenommen, als sie sich am Abend auf Petri und Pauli Midlich verbunden hatten, diese Höhle gänzlich zu durchkriechen.
Die alten Leute erzählen auch, wie vormals die Zwerge den Einwohnern alle Güte erzeigten. Fiel eine Hochzeit vor, so gingen die Eltern oder Verwandten nach solchen Höhlen und begehrten von den Zwergen messingene und kupferne Kessel, eherne Töpfe, zinnerne Schüsseln und Teller, auch anderes nöthiges Tisch- und Kü, chengeschirr. Sie traten dann ein wenig zurück, worauf alsbald die Zwerge die verlangten Sachen vor den Eingang der Höhle setzten. Die jungen Leute, die sie begehrten, holten sie dann ab; wenn nun die Hochzeit vorbei war, brachten sie alles Geborgte wieder dorthin und setzten zur Dankbarkeit etwas Speise dabei.
Ersteigung des Hübichcnsteins.
Auf dem Fürstenhofe in Grund wohnte vor alten Zeiten einmal ein Förster, der hatte seine Frau früh ver-
