Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — Jf 3§.
Der verhängnißvolle Nagel.
Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.
(Fortsetzung.)
Matthäus war indessen niedergekniet, um, statt deö Unkrautes, die schönsten Levkojenpflanzen auszujäten. Schwer am Athem ziehend, fragte er jetzt mit gepreßter Stimme:
„Und Christel?"
„Diese machte es wie alle Mädchen —" antwortete Neit — „Sie ward bald blaß, bald roth ; weinte, spreizte sich verschämt, gab aber zuletzt nach, als ihre Mutter sie ein folgsames, dankbares Kind nannte, welches ihr und ihrer Mutter Glück nicht mit Füßen von sich stoßen würde."
Matthäus war mäuschenstill geworden.
„DaS Brautkleid wäre sonach untergebracht" — fuhr Neit fort — „und hier ist das Röllchen mit den Dukaten, das ich Eurer Mutter zugedacht habe." Er steckte eS dem stummen Matthäus in die Jackentasche. „Jetzt gehe ich, mein hübsches Bräutchen zu besuchen. In vier Wochen ist die Hochzeit, auf welcher Ihr den ersten Ehrentanz mit meiner Braut tanzen sollt. Einen schönen Gruß an Eure Mutter! Behüte Euch Gott."
Neit eilte von sannen, ohne deS jungen Gärtners Seelenzustand zu gewahren. Dieser rannte jetzt wie ein Verzweifelnder dem Gewächshause zu, wo er sich auf einen Schemel hinwarf und das Haupt im stummen Schmerz auf den Tisch sinken ließ.
„Es ist Alles aus!" sprach er nach langer Weile mit dumpfer Stimme. Wirren Blickes starrte er den Nagel an, der ihm jetzt wie ein Erlöser aus seiner Qual erschien. Er sah im Geiste sich an demselben aufgehängt mit auf die Brust gebeugtem Haupte, halbgeschlossenen und ver- drehten Augen, schlaff herniederhängenden Armen, lang
gestreckten Beinen, ganz so, wie er im vorigen Herbst eine Drossel im Walde in einer Schlinge erwürgt gefunden hatte. Und eine unwiderstehliche Macht drängte ihn, daS Bild wahr zu machen und sich aufzuhängen. Sein suchendes Auge fand bald einen geeigneten Strick in der Nähe und seine Hände streckten sich nach demselben aus und knüpften eine Schlinge.
„Du hast den Teufel um eine Seele gebracht" — sprach er zu sich selbst — „als du den Neit losfchnittest. Darum will er dich nun dafür holen." Ein Schauder überlief ihn. „Soll Christel aus ihrem Fenster mit ansehen" — fuhr er fort — „wie dich der Henker auf einer Kuhhaut aus dem Garten schleift? Soll deine alte Mutter das Grab ihres einzigen Sohnes unter dem Galgen zu suchen haben? Wird sie dir nicht fluchen oder vor Schreck über deinen Selbstmord gleichfalls zur Leiche werden? Soll nicht einmal ein schlichtes Holzkreuz deine Ruhestätte bezeichnen dürfen? Nein! — Da sey Gott vor!" Matthäus sank vom Schemel hernieder auf seine Kniee. —
„Führe mich nicht in Versuchung, Herr!" betete er voll Inbrunst — „sondern erlöse mich von allem Uebel; denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit jn Ewigkeit. Amen."
Dann wankte er aus dem Gewächshause und seiner Wohnung zu.
„Wie kömmt'S" — sprach er wehmüthig — „daß mich auf einmal mein Garten nicht mehr freut? Daß die 50 Dukaten in meiner Tasche mir nicht werther sind als eben so viele Kieselsteine, da doch sonst der errungene Besitz eines einzigen schon mich beglückte ? ES ist Christels Lösegeld" sprach er oben zu seiner Mutter , als er derselben die Rolle mit den Dukaten einhändigte. „Wenn Ihr mich liebt, so sagt kein Sterbenswörtchen davon, daß ich sie als meine Frau heimzuführen gedachte. Thut
