In einem Bureau ward Helene abgewiesen; der Direktor ließ warnende und dunkle Winke jgegen sie fallen, aber daS arglose Mädchen lachte über den Argwohn, daß jemand ihrem harmlosen Leben nachstellen könne. Einige Zeit später ward Wainwright als Insolventer auS seiner Wohnung ausgetrieben und gepfändet; gerade um diese kritische Zeit begann Helene zu kränkeln. Ihr Schwager sorgte geflissentlich für ärztliche Hülfe; der Arzt sah durchaus keine Gefahr, schrieb indeß etwas für sie auf. Wainwright und seine Frau gaben der Leidenden ein Pulver ein, angeblich nach der Vorschrift des ArzteS, und gingen gleich darauf auf mehrere Stunden auS. Helene fiel sehr bald in Krämpfe; der herbeiei, lende Arzt erklärte, sie leide an einer Gehirnentzündung; in einem lichten Augenblicke rief die Kranke: „O Doktor, das sind die Qualen des Todes." Als die beiden Eheleute heimkamen, war sie eine Leiche.
Der Arzt ahnte nicht im entferntesten, daß hier ein verruchtes Spiel getrieben sey; die Kranke schien ihm ein zärtlich gehegtes Mitglied der^Familie; ihre Arzneien waren nur durch die Hände ihrer nächsten Verwandten gegangen; er schrieb daher den Tod natürlichen Ursachen zu, obwohl die Symptome genau diejenigen waren, wie sie auf eine Vergiftung mit einer die Nerven angreifen# den Substanz, z. B. Strychnin, folgen.
Als die arme Helene Abercrombie in ihrer Gruft lag, forderte Wainwright von den Versicherungsgesellschaften seine 30,000 Pf. St. ein. Alle Bureaur weigerten sich zu zahlen, nicht weil sie gemeint waren, eine Vergiftung anzunehmen, sondern weil sie darthun konnten, daß falsche Aussagen gemacht worden waren, um die Versicherungen zu bewerkstelligen. Der getäuschte Mann verklagte eine der Kompagnien; der Richter wies die Jury an, „bei ihrem Verdikt von allen dunkleren Gerüchten abzusehen," aber so stark war die Ueberzeugung der Geschwornen, daß an diesen Gerüchten etwas wahres sey, daß sie zu keinem einstimmigen Verdikt kommen konnte. Eine neue Jury ward berufen und diese entschied gegen den Kläger.
Während des Prozesses irrte Wainwright auf dem Kontinent umher; eine Zeitlang lebte er zu Boulogne unter dem Dache eines pensionirten englischen Offiziers. Auf sein Anrathen versicherte dieser sein Leben in London, und starb nach einem halben Jahre. Das Geld wurde auSgezahlt, wem es aber eigentlich zufloß, ist nie bekannt geworden. Kurz nachher kam er unter falschem Namen nach Paris. Dort erkannte ihn ein zufällig anwesender englischer Polizeiagent NamenS Forrester und machte die Sicherheitsbeamten auf ihn aufmerksam.
Er ward als Vagabunde verhaftet und man fand bei ihm einen Vorrath von Strychnin, wofür er nach
dem französischen Gesetze mit sechsmonatlichem Gefängnisse bestraft wurde.
Als er diese Zeit abgeseffen hatte, wagte er sich nach London zurück. Das erste bekannte Gesicht, dem er begegnete, war das Forresters. DaS Wort: „Sie sind mein Gefangener!" war sein Willkomm. Er ward vor Gericht gestellt, nicht wegen Mordes, sondern wegen Fälschung; er hatte bei der Erbschaft eines Onkels ein Dokument durch falsche Unterschriften zu seinen Gunsten alterirt, und während seines Eriks war dies von ihm vergessene Dokument der Polizei in die Hände gerathen. „Lebenslängliche Transportation" war jetzt sein Loos. In Newgate hatte dieser eitle Egoist die Frechheit, den Minister des Innern um gewisse Milderungen des Reglements anzugehen, indem er sich auf seinen Charakter als „Gentleman" berief. Die Regierung erkundigte sich in Folge dessen nach seiner Vergangenheit; sie stieß auf jene verdächtige Versicherungsgeschichte, und die Antwort auf seine Supplik erschien in der Gestalt schwerer Ketten, mit denen belastet der Schöngeist, Dandy und Mörder seine Reise nach Botanybei antrat, wo er in Ketten, Elend, Wuth und Verzweiflung ein jammervolles Daseyn noch 25 Jahre hinschleppte.
Ein Reiseabenteuer in Texas.
(Fortsetzung.)
Ich blieb eine ganze Woche lang bei Don Jose Morell; dann übernahm er es, mich mit heiler Haut bis nach der kleinen Stadt Nacogdoches zu befördern.
Es gibt in Teras noch einige kleine -Städte, die ihren frühern Charakter bis heute theilweise bewahrt haben, Nacogdoches gehört zu ihnen. Zur Zeit der spanischen Herrschaft war sie eine liebliche kleine Landstadt, hinter grünem Gebüsch versteckt, von trägen Kreolen und Indianern mit stolzem Blicke bewohnt. Aber neben und unter beiden hatte sich Abschaum aus den „Staaten" auch hier niedergelassen, Säufer und Spieler, die von früh bis spät in den Schenken saßen und mit einander zankten. Die Straßen waren thcilweise sehr unsauber, manche Gebäude verfallen, die Physiognomien der Leute, welche mir begegneten, hatten nichts Ansprechendes, und man sah es, daß die amerikanischen Ankömmlinge eben kein Glück mitgebracht hatten.
Als ich mit meinen Begleitern im „Rothen Adler" ankam, versammelte sich allerlei Volks. Don Jose Morell hatte mich an den Gastwirth empfohlen, einen Wirth von dem Schlage jener, die Cervantes so trefflich geschildert hat. Die Augen glänzten hell in seinem runden
