Noch war es völlig dunkel draußen. Nur ein breiter, grauer Streifen deutete in unbestimmten Umrissen den Lauf des ElbstromeS an, über welchem der Hauch Gottes — ein kühler Morgenwind — schwebte.
Völlig ermuntert verließ Matthäus seine Schlaf» kammer, um hinabzusteigen und mit einem Arme voll Holz nach dem Gewächshause zu gehen, dessen Wärmestand nach seiner Meinung wieder einer Erhöhung bedurfte. Allerdings war die Luft darin bedeutend abgekühlt, daher der junge Gärtner, ohne erst nach dem Wärmemesser zu sehen, sich anschickte, im Ofen nachzulegen. Da traf der laute, abgemessene Athemzug eines schlafenden Menschen plötzlich sein Ohr, und bewirkte, daß Matthäus schnell die Lampe anzündete, mit welcher er sodann dem Schläfer nachzuspüren ging. Er fand denselben unter dem Raume eines Blumengestelles ausgestreckt, wo dieser, anstatt auf Flaumfedern oder Eiderdunen, auf Blumenzwiebeln, Strohwischen und Papier- säcken fester und süßer denn ein König schlief. Der eingedrungene Gast schien ein Dreißiger zu seyn, war mit einem ziemlich groben Tüffelrocke bekleidet und hatte neben sich ein Bündel liegen, das jedenfalls seine ganze Habe enthielt. Matthäus glaubte in seinem guten Rechte zu seyn, wenn er dieses Bündel einer näheren Untersuchung würdigte, daher er die Lampe hinstellte und auszupacken begann. Zu seiner Beruhigung zeigten sich weder Pistolen noch Dolche, weder Dietriche noch Meißel und Bohrer, wohl aber kamen eine Wasserflasche und ein Barbierbecken von blankem Messingbleche, Barbiermesser, Streichriemen und Wetzsteine, Aderlaßschnepper, Schröpfköpfe, Messer, Scheeren und Zangen von besonderer Bauart zum Vorschein.
„Ein Dieb ist es nicht —" sprach Mathäus vor sich hin, indem er die vorgefundenen Gegenstände wieder einsäckelte — „aber nur zu gewiß, daß Niemand anderes mein Holz gestern Abend verfeuert hat. Nun, wissen muß ich doch, wer der Mann ist und warum er gerade mein Gewächshaus für eine Herherge angesehen hat. He! guter Freund! —" er rüttelte den Schläfer — „wer sind wir denn und was wollen wir hier?"
(Fortsetzung folgt.)
O Luthers Schrift: Ermahnung über die 12 Artikel der Bauerfchaft in Schwaben.
Es verdient wohl keine Schrift des ehrwürdigen Reformators Dr. Martin Luther gerade in unsern Tagen mehr gelesen und beachtet zu werden, als seine Er
mahnung über die zwölf Artikel der Bauerschaft in Schwaben von dem Jahre 1525, und Einsender dieses glaubt daher, mit wenigen Worten auf dieselbe aufmerksam machen zu müssen. Wenn Luther von der einen Seite als Aristokrat, von der andern als Demokrat bezeichnet wird, so liefert diese Schrift den Beweis, daß er keines von Beiden in dem jetzt gewöhnlichen Sinne, sondern vielmehr ein edler und wahrer Freund des Volkes war, der, die goldene Mittelstraße haltend, den Fürsten wie dem Volke die Wahrheit sagte, sie auf den Weg der Pflicht, der Nachgiebigkeit und Besonnenheit verwies und daS wahre Wohl des Volkes auf dem Wege der Ruhe, der Ordnung und des besonnenen Fortschrittes erstrebte. Um so weniger kann man den sogenannten Bauernkrieg als eine Folge von Luther's Reformation, wiewohl häufig geschehen, darstellen, waS auch schon dadurch widerlegt wird, daß die ersten Anfänge der Bauernrevolution schon lange vor Luther sich zeigten. Bereits gegen daS Ende des fünfzehnten Jahrhunderts (1491) hatten die Bauern in den Niederlanden, in Schwaben und dem Elsaß sich empört. 1503 sehen wir ähnliche Unruhen in dem Bis- thum Speier, 1514 im Würzburgischen. Wohl mögen, späterhin die reformatorischen Ideen von der geistlichen und christlichen Freiheit auch auf die bürgerliche übertragen und zu politischen Zwecken mißbraucht worden seyn, gegen welchen Mißbrauch aber Luther selbst am meisten eifert und gegen die entfernteste Theilnahme an politischen Bewegungen und Unruhen auf das Feierlichste sich verwahrt. Ec kannte, als Mann des Volkes, den Druck der Leibeigenschaft, unter dem das Volk damals schmachtete, recht gut und fühlte ihn in edler Seele mit. „Die Bauern standen damals, sagt v. Raumer in seiner trefflichen Geschichte Europa's, seit dem fünfzehnten Jahrhundert, ohne ständische Rechte, ohne Vertretung, ohne Geld, um einen Reichsprozeß anfangen zu können, zu entfernt vom Kaiser und jeder Willkühr preisgegeben."
Wenn daher Luther auch den Aufstand der Bauern nicht gutheißen konnte, so konnte er eben so wenig die Quellen und Ursachen desselben verkennen, und fand eS billig, daß auch in irdischen Verhältnissen zeitgemäße Reformen einträten. Die Fürsten, meinte er, seyen selbst viel schuld an der Empörung; sie hätten es zu toll getrieben mit Schätzen und Schinden, namentlich die geistlichen Herren, und eS sey dies die Strafe Gottes, die sie treffe. Doch, hören wir ihn selbst:
„Das Schwert ist euch auf dem Halse," redet er in der angeführten Schrift zu den Fürsten, „noch meinet ihr, ihr sitzet so fest im Sattel, man werde euch nicht mögen herausheben. Solche Sicherheit und stolze Vermessenheit wird euch den Hals brechen, das werdet ihr sehen. Ich Habs euch zuvor vielmal verkündet, ihr sollt
