Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. .M 25.

Der verhängnißvolle Nagel.

Erzählung aus der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts.

(Fortsetzung.)

Gegen Abend waren die Sträußchen gebunden, und Matthäus wanderte mit denselben Wohlgemuth in die Altstadt hinüber in den von Flemmingschen Palast auf der Kreuzgassc, wo die Fürstin Petrikowöka ihre Woh­nung hatte.

Wenn jetzt Dresden einen wohlgeordneten Haushalt vorstellt, in welchem, von den höchsten bis zu den untersten Kreisen herab, ein weises Verhältniß zwischen Einnahme und Ausgabe beobachtet wird, so war dagegen die Zeit Augusts II. eine solche, welche, angesteckt von dem Bei­spiele des Regenten, einer maßlosen Verschwendung, Prunkliebe und Genußsucht fröhnte.

Der Glanz vieler tausend brennender Wachskerzen blendete des schlichten Gärtners Blick, als er dem Palaste nahete. Ein Wald von duftender Orangerie und andern ausländischen Gewächsen, welcher von der Hausflur an sich die breiten Treppen hinauf und bis in den Vorsaal hinzog und in dem zauberischen Lichte bunter Lampen schimmerte, empfing unsern Matthäus, welcher jetzt er­kannte, daß sein Gewächshaus wohl das letzte gewesen sey, dessen Erzeugnisse man zu dem heutigen Festmahle verlangt gehabt hatte. Da er auf die Bezahlung der gelieferten Blumen eine Zeitlang warten mußte, so hatte er Gelegenheit, die Menge und den Glanz der geladenen Gäste zu sehen, welche von Juwelen, Gold, Silber und Seide starrten.

Mit Mühe entging er den Rädern der zahllos heran- rollenden Kutschen, deren hell lodernde Pechfackeln seine Augen blendrten. Endlich war er dem betäubenden Trei­ben der Residenz entronnen und befand sich auf dem ein­samen Wege zu seiner Wohnung, welche dunkel wie die

Nacht am Rande des Stromes lag. Kein Licht war im ganzen Hause sichtbar, denn bereits hatte es zehn Uhr geschlagen. Was dem Reiter das Pferd, ist dem Gärtner ein Gewächshaus, welches zu versorgen sein erstes und hauptsächlichstes Geschäft seyn muß. Daher richtete auch Matthäus, bevor er in seine Wohnung Hinaufstieg, seine Schritte nach dem Gewächshause hin, um noch einmal im Ofen nachzulegen. Er klinkte aus und trat ein.Ei, ei! hm! hm!" brummte er betroffen vor sich hin welch' eine Wärme das! Vierzehn, fünfzehn Grad min­destens. Wer hat mir dies gethan? Die Mutter nicht, denn ich habe es ihr ernstlich eingeredet, nicht herunter zu gehen. Sollte Christel?"

Er zündete die bereit stehende Lampe an und leuchtete mit ihr nach dem Wärmemesser. Beinahe sechszehn Grad! ha! da ist auch fast das ganze Holz verfeuert! Ist das ein Freund oder Feind gewesen? Wahrlich, es thät Noth, ich verschlösse noch das Gewächshaus besonders.

In Gedanken versunken, stand Matthäus da. Die Fenster des Gewächshauses waren mit Brettern fest ver­wahrt. Es war so still, so huschlich in dem duftenden Raume. Die Blumen senkten träumerisch ihre Kelche, oder hatten dieselben, wie der Mensch seine Augen im Schlafe geschlossen. Die grünen Blätter schimmerten saftig in der Lampe schwachem Schimmer, regten sich aber nicht, als ob sie von einem Zauberbanne getroffen wären. Mat­thäus bemerkte Nichts, er löschte die Lampe aus und ging hinauf in sein Bett.

Auch ohne geweckt zu werden, stand Matthäus zu der bestimmten Stunde auf. Dies war heute um drei Uhr Morgens der Fall. Der junge Gärtner warf seinen Schafpelz um, öffnete das Kammerfenfter und steckte, sich völlig zu ermuntern, das Haupt hinaus in die frischkalte Morgenluft.