Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — M S1
Das Mädchen von Helgoland.
(Fortsetzung.)
Von ihrer Ueberfahrt nach New-Nork, von dem Empfange in Mister NoungS Hause, welche Augen Mistreß Noung machte, der unerwarteten Schwiegertochter gegenüber, und wie Mister Noung schalt, drohete, fluchte, immer im Andenken an das Haus O'Neal und Flaherty: von allen diesen schönen und natürlichen Dingen nicht ein Wort. Der Zorn der Eltern erreichte seinen Zenith, als im Laufe der Zeit der Sohn ihnen berichtete, wie es mit dem Schiffbruche der Fortuna sich eigentlich ereignet habe; sie haßten in der Fremden nun nicht blos die Zerstörerin eines vortheilhaften Familien-ArrangementS, sondern auch eine Räuberin an ihrem Gut und Vermögen. Gehörte sie denn nicht zu den Barbaren, welche das Strandrecht in so unchristliche Anwendung brachten? Daß sie James gerettet, geschützt, geheilt, seinetwegen mit dem Vater und mit den Brüdern sich tödtlich entzweit, mit ihm und für ihn die Heimath verlassen hatte, — daß sie ihn liebte --Arme Katharina! Es ward vergessen. Nein, es galt hier nicht einmal etwas. Warst Du denn nicht in Amerika? Nicht bei Mister Noung, der reichsten Handels, Herren Einem im reichen New-Nork?!
Gewohnheit überwindet Alles. So sagt man wohl. Was bei diesem Ueberwinden aber erst in uns überwunden werden muß, bedenkt man das auch? Mister und Mistreß Noung gewöhnten sich an die Schwiegertochter, wie an eine Nothwendigkeit. Katharina gewöhnte sich an die neuen Eltern, an die neue Heimath, an die neue Welt, wie an eine Unmöglichkeit, das heißt, sie gewöhnte sich gar nicht, so wenig an die seidenen Gewänder, die sie statt des rothen Rockes von Helgoland anlegen mußte, als an das große steinerne kalte Haus, worin sie von ihrem Dachkämmerlein träumte, von dem Boden voll ge
trockneter Fische, von dem Plätzlein am Strande, wo sie Wäsche aufhing. James war der Glücklichste, weil er, als der Schwächste, sich am leichtesten gewöhnte. Der Glücklichste seyn ist nicht einerlei mit glücklich seyn. Viel fehlte daran. Auch an ihm nagte etwas, wie geheime Reue, wie frühe Sättigung, wie krankhafter Lebensüberdruß. Seine Natur erlag solchen stäten Angriffen, er siechte viel, so jung er war. Der einzige Trost und die einzige Freude dem ganzen Hause, wuchs ein Töchterlein dem jungen Ehepaar empor, Fanny geheißen, ein liebes, engelschönes Kind. Da es drei Jahre zählte, vermochte die Mutter nicht länger den Bitten des erweichten Vaters drüben und ihrem eigenen, heftig mahnenden Heimweh zu widerstehen: sie mußte nach Helgoland hinüber, ihr Kind zeigen, wo möglich (so sprach es tief und leise in ihrer wunden Brust), wo möglich sterben in dem engen Gemach, wo er sterbend gelegen. Zagsam und zweifelnd vertraute sie erst dem Gemahl, dann den Eltern ihren Wunsch; aber sie wunderte sich nicht wenig, sie grämte sich beinahe, als er so leicht gewährt wurde. Man rüstete sie reichlich zur Reise aus.ga b ihr eine Magd zum Schutze mit und hieß sie in GotteS Namen ziehen. James geleitete sie an Bord des Dampfschiffes, das sie nach Europa führen sollte; als sie ihm zum Abschiede noch einmal nachwinken wollte, war er verschwunden, und sie flog weinend dahin, ihr lächelndes Kind auf dem Schooße.
Ihre Fahrt war glücklich, glücklicher noch ihr Weilen. Vier Wochen freilich nur hatte ihr der Gatte erlaubt , doch sie genügten, sie mit dem alternden Vater auszusöhnen, das Grab des erlösten Bruders Jürge aufzusuchen, jede Stätte fromm zu grüßen, wo sie ein Kind gewesen war, ehe sie ihn kannte, den immer und ewig, treu und warm Geliebten. Ihr Herz ging ihr auf, als sie den rothen Rock und den schwarzen Hold- skaldook, in sicherer Truhe geborgen, wieder auspacken
