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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. M 19

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

Diese Tage wurden immer länger, wärmer, sommer­licher. Der Frühling schien mit goldenen Lichtern an die kahlen Felsenstirnen deS Eilands; schon zogen einzelne eilige Gäste von fern herbei, und deS Meeres Rand chimmerte von Segeln, von kommenden und gehenden. Wie in die Natur kehrte auch in daS Menschenherz der Lenz zurück. James und Katharina feierten Stunden, in welchen sie die Erde vergaßen und sich im Himmel wähn­ten. Diese Stunden schlugen ihnen, wenn der Vater und die Söhne hinaus waren auf den Fischfang, zur täglichen Arbeit am Strande, und wann Jürge schlafend in der Sonne lag oder in seinem Bette. Dann schritten die Liebenden, Hand in Hand, aus der dumpfen Hütte hinweg, in das Oberland hinauf, wandelten um die rothe Kante der Insel, und freueten sich über das schöne helle Meer, daS unabsehbar vor ihnen sich ausdehnte, mit dem Himmel verschwimmend; ein Bild ihrer Zukunft, dachten die Glücklichen. James war wieder ganz gesund und stark geworden; das tägliche Seebad und die reine, prächtige Luft vollendeten, was die Liebe begonnen, seine Heilung. Sein Mädchen sah ihn trunken an, wenn er so schmuck und so heiter vor ihr stand, in der Tracht ihrer Brüder, der Burschen ihres Landes. Sie empfand ihn ganz ihr eigen, ihr hingegeben, und sich ganz sein; nichts könne zwischen sie treten, dachte sie, zwischen zwei ewig vereinte Herzen.

Armes Kind ! Du selbst trügest in reiner Hand den Blitz herbei, der Euer junges Glück zerstören sollte, ein Blitz aus heiterem Maihimmel!Der Brief, der Brief!" so rief sie athemlos eines Morgens dem vom Bade heim, kehrenden Freunde zu, und hielt ihm die wichtigen Blät- ter hoch entgegen. Er erbleichte, wie in schwerer Ahnung:

Stumm wog er die leichte Last auf zitternden Fingern, starr blickte er das Siegel an, das, blutroth und fest wie ein geschloffener Schicksalsmund, ihn anschauerte. Katha- rina sah verwundert auf.WaS ist das?" rief sie aus. Aber schon war er hinweggeeilt, weit von ihr, auf die entlegenste Felsenspitze der Insel. Dort sank er nieder in das Gras. Er streckte die Arme betend gegen Himmel, er weinte empor in die blaue, laue Luft, er lallte Katha- rina's Namen, und dann

Das Siegel war erbrochen.

Mißtraue den Lippen, auf denen der Honig zu dick aufgetragen ist; ihr Kuß schmeckt wie Galle nach! Miß­traue den Briefen, deren Eingang eitel Zärtlichkeit und Liebe spricht; ihr Schluß trifft um so härter!

Mister Noung war ein Amerikaner unv ein Kauf­mann. Das sagt Alles. Er pries sich unendlich glück­lich, daß der verloren, und todtgeglaubte Sohn, seines Herzens Freude (und seiner Firma Fortsetzung; stand hier zwischen den Zeilen) wunderbar gerettet sey und erhalten. Den Segen des Himmels beschwor er hernie­der auf die theueren Menschen, welchen er den Erstgebor­nen verdanke.Aber," fuhr er in einem neuen Absätze fort, und hier wurde die Handschrift viel fester und ge, läufiger,aber was Dein mir beschriebenes Verhältniß zu Katharina Klaffen auf Helgoland angeht, so bin ich der zuversichtlichen Ueberzeugung , daß Du selbst bei ge­sunder Stimmung und ordentlicher Besonnenheit wirst erkannt haben, wie unhaltbar daffelbe ist, wie unmöglich dessen Fortsetzung. Es macht Deinem Herzen alle Ehre, daß es an Deine Lebensretterin sich so zärtlich und er­kenntlich anschloß. Auch glaube ich gern alles Gute und Liebe, so Du, in sehr überspannten Ausdrucksweisen, mir von ihr mittheilst. Du wirst gewiß schon bei Empfang Dieses kühler und vernünftiger gestimmt seyn, und der Erfahrung Deines Vaters Recht geben, welcher Dir mit