Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1850. — 15.
Das Mädchen von Helgoland.
(Fortsetzung.)
Der Abend kam, mit ihm der Sturm. Die ganze Insel belebte sich. Wie ein Meeresungeheuer erwacht sie nur mit dem Meere. Die Leuchtthürme flammten auf, gleich Sonnen in der Nacht. Die Glocken riefen die Lootsen zusammen. Boote wurden aus den Strand gezogen und Boote flott gemacht. Die Weiber verrammelten alle Fenster und setzten sich dafür ruhig auf die Schwelle, das Gesicht dem heranziehenden Schreckniß kühn entgegengekehrt. Furcht im Sturm kennen diese Menschen nicht, nur Lust am Sturm; und wenn die Welle über die Gibel ihrer Hütten spritzt, und wenn die höchsten Klippen gepeitscht werden von Wind und Woge , — der Gibel zittert, die Klippe seufzt, aber diese Menschen zittern nicht und seufzen nicht. Kâthchens Brüder stürzten jubelnd herein. Trockene Wämmser forderten sie und Grog. „Habt Ihr was?" fragte das Mädchen. — „Na, ich meine. — Eine Brigg will der Alte schon in der Dämmerung gesehen haben, westnordwestlich. — Die kommt uns. — Ich sage Euch, (so der Jüngste) es ist nichts, der Alte irrt sich, er verliert das Gesicht schon." — Ein derber Schlag in's Genick belohnte seine Pietät. Peter war selbst da. „Halt's Maul, zieh Dich an. Das Korkboot heraus. ES ist eine Brigg. Werde einen Amerikaner noch von einem Seehund unterscheiden können, Du Lasse!" Hast und Getümmel überall. Dazwischen plötzlich ein Nothschuß, noch weit weg, gen Westen hin, jenseits der Dünen. Noch Einer! — „Hurrah!" — Hinaus brachen sie Alle, der Vater voran, die fünf Jungen hintendrein. So springt ein Rudel Wölfe vom Lager in der sicheren Waldeshöhle auf, wenn fern das ängstliche Gewieher eines verirrten Pferdes, einer müden Rehkuh klägliches Geblök ertönt.
Katharina schloß die Pforte hinter ihnen und trat an's Fensterlein, die Hände über der Brust fromm gefaltet, die blauen Augen vertrauensvoll und innig hinausgewandt in die Nacht.
Ihr laset der Stürme schon genug. Demungeachtet wißt Ihr nicht, was das Wort bedeutet, wenn Ihr nie, mals, sey es von sicherem Strande oder vom schwankenden Verdeck aus, an den Boden Euch anklammernd, zagsam und überwältigt, hinausgeblickt habt in dies Chaos aller Elemente, in diese Geisterschlacht, in diesen Titanenkampf. Da treibt ein Schiff — ist es eins, oder nur ein Kiel noch, ein Wrack? — auf den stürzenden Bergen, auf den steigenden Abgründen der Welle, jetzt küßt sein Mast den Schaum, jetzt zerreißt der Sturm seine Segel wie Papierblätter, jetzt zerbricht die Welle sein Ruder wie einen Strohhalm. Und dazwischen daS Geächze des Holzes, das Geknarr der Taue, das Ge- raffel des Eisens, und dann und wann ein falber Aufblitz, ein dumpfer Knall, und ein Geheul in daS Sprachrohr. Gnade Gott, wenn menschliche Gnade nichts mehr frommen kann.
Ein paar Faden noch von der Westküste der Dünen tanzte der Amerikaner den TodeSreigen mit der furchtbaren Windsbraut. Es war eine Brigg; nein, sie war es gewesen blos. Ein Mast schwamm, wer weiß wo, auf dem Meere^umher; der zweite ragte noch ein elender, zerbröckelter Stumpf, an den der Kapitän sich selbst und auf seine Brust die Laterne festgeschnürt hatte. Bon Willen und Richtung keine Spur mehr in dieser Maschine. Sie trieb dahin. Die Matrosen sangen, tranken, sprangen; Reisende beteten in der großen Kajüte ihr letztes Seufzerlein. Nur der erste Steuermann und der Kapitän hielten fest auf ihrem Posten. „Wie weit, Dick?" rief jener ins Sprachrohr. — „Anderthalb Faden, Herr, und wir laufen an!" — „Wie viel Wasser noch?" —
