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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung

1850. 14.

Das Mädchen von Helgoland.

(Fortsetzung.)

Katharina hieß in Helgoland schön. Und das will viel sagen. Weil die Natur dem öden Felsen den Schmuck grüner Bäume und duftiger Blumen nicht gewährt, schenkt sie ihm schöne Frauen und Jungfrauen in anmuthigster Verschwendung. Die feine Durchsichtigkeit der Haut, des Haares feuchtgoldener Schimmer, die meerlichte oder himmelblaue Tiefe der Augen, des Halses, der Arme, der Schultern schneeweiße Fülle, und die schlanke, gaukelnde Gestalt: sie mahnen in Helgas Töch­tern an ihre Mutter, die See. Wenn Du sie Sonntags umherschweifen siehst auf der Düne, über die Felsen hin­weg, sich versammeln in plaudernden Gruppen an der Treppe, am Falm, vor dem Konversationshause, durch dessen hell erleuchtete Fenster der Ennui der guten Ge­sellschaft herausgähnt, oder gar zum Tanze eilen imro­then Wasser": so wirst Du meinen, eine Schaar Ocea- niden zu sehen, Töchter des alten Nereus, romantische Niren und Wasserfeien, dergestalt tadellos und hold sind diese Erscheinungen. Freilich, ihr Frühling ist kurz, wie der aller Gebirgsflora. Sie welken bald, die schönen Helgoländerinnen. Wirft das Klima sie frühzeitig um mit seinen winterlichen Stürmen und Sommersonnen­bränden, oder beugt die harte Arbeit, die auf ihnen liegt, das Tragen und Schleppen, Trepp' auf Trepp' ab, ihren Rücken und ihr leichtes Haupt? Wenige Jahre nur, und aus dem lieblichsten Mädchen ist eine dicke, gesetzte Frau geworden, mit verwitterten Zügen und mit geknicktem Reiz; die Nereide hat sich in eine Oreade verwandelt, sie gleicht dem harten dunklen Stein, nicht mehr der kla­ren, aushüpfenden Welle.

Von Peter Klaffens Tochter war dieser Herbst noch fern und diese schmerzliche Metamorphose. Sie stand im

Mai ihrer Tage und ihrer Schönheit; des Vaters Aug­apfel, der Brüder Stolz, aller Burschen Freude»und Lust, und doch dabei seit der Mutter zeitigem Tode des kleinen Hauses Stütze und Regiment, wurde sie, und das mit Recht, von ihren Gespielinnen als die glücklichste Dirne weit und breit Göre heißt es dort gepriesen, viel­leicht im Stillen auch beneidet. Ihr Leben war, wie ihre Hütte, still, beschränkt, friedlich; ihr Herz, wie der som­merliche Himmel darüber, heiter und hell; ihre Seele, wie das Meer davor, von freundlichen Träumen leise be­wegt und gewiegt. Armes Leben! Armes Herzl Arme Seele! DaS Gewitter zog sich bald zusammen, welches die Hütte erschüttern, den Himmel trüben, das Meer aufwühlen sollte in seinen ungeahnten Abgründen.

Es war ein trüber Vorwintertag des Jahres 18. . Käthen saß daheim am flackernden Heerde und sah nach dem Mittagsmahl der kleinen Familie, zugleich daS große Netz geschickt ausbeffernd, damit keine Minute verloren sey. Die Brüder waren auö auf den Fischfang, Peter Klaffen im Oberlande auf dem Falm. Da hocken sie fortwährend, die Lootsenbrüder, wie Möven um den Fel­sen flatternd, wie beutespähende, blulwitternde Geier. Die sennigen Arme gestützt auf die Brüstung längs dem äußersten Klippenrande, starren sie hinaus auf die See, in die Wellen und in die Wolken. Sie sehen, waS kein menschliches Auge sieht. Das fernste Segel, den Sturm im ersten Keime, den umspringenden Wind im feinsten Zuge. Wenig reden sie unter einander, ein Finger, zeig genügt.

Noch vor der Speisestunde kam Peter Klaffen an jenem Tage heim.Mädchen," sagte er, ist Alles parat, das Korkboot, die Nothsegel, die Wasserröcke?"Alles, Vater."Auf die Nacht gibl's Arbeit."Meint Ihr?"Ich weiß." Wenn nur die Jungen zur rechten Zeit da sind."Werden schon." Das Alles