Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1850. — Jlf 10.

□ Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge aus demLeben der großenWelt.

AuS dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.

(Schluß.)

Trotz des leichtfertigen Tones, mit dem dieser Satz ausgesprochen wurde, fühlte ich meine Kniee zittern und stützte mich auf das Gesimse des Kamins.

„Was fehlt Ihnen?" fragte Madame de Zerny, der meine Verwirrung nicht entgangen war.

„Ich weiß nicht; ich bin so beklommen; ich fühle mich nicht behaglich."

„Sie müssen zur Ader lassen I"

„Ich that als wenn ich es nicht verstanden hätte."

„Was Herrn Gaston de Nangis betrifft, erwiderte ich, meine Stimme fassend, ist eS sehr sonderbar, daß Jeder mir von seiner Liebe spricht und nur er allein mir nichts davon sagt."

„Sie kennen ihn nicht?"

„Ich habe ihn niemals gesehen."

„Wollen Sie, daß ich Ihnen denselben vorstelle?"

Diese so natürliche Frage stieß meine ganze Fassung um, und ich antwortete ja, ohne viel zu wissen, waS ich sagte.

Madame de Zerny sann einen Augenblick.

„Heute gehöre ich nicht eine Minute mir, aber über­morgen bin ich frei wie eine Wittwe." Bleiben Sie gegen drei Uhr zu Hause, ich werde ihn mitbringen.

Mit diesen Worten ging sie ab.

Ich wollte sie wieder zurückrufen, ihr sagen, daß ich meine Thüre verschließen würde, daß ich nicht gesonnen sey, in der Abwesenheit meines Mannes einem jungen Manne den Eintritt in mein Haus zu gestatten, der mich durch die Heftigkeit seiner Gefühle kompromittirte

und andere nicht weniger schlagende Gründe. Allein eS war zu spät; sie war verschwunden.

24. Dezember.

Ich benutzte einen heiteren Tag, und ging an den Tuilerien spazieren. Dec Zufall führte mich in einen Theil bed ©artend, la Petite Provence genannt. Kinder und Greise wärmten sich an der Sonne. Ein kleiner Knabe, gemächlich auf eine an einer Statur angebrachten Bank auSgestreckt, brüstete sich mit seinem besten Platze. Plötzlich erhebt er sich und läuft nach einem Balle, wel­chen sein Kamerad ihm eben zuwarf. Darauf läuft ein kleines Mädchen herbei und der leere Platz ist alsbald besetzt. Der Knabe kommt wieder zurück und fordert - seinen Platz.

Mein lieber Emil, sagte die Kleine, wir sind im Winter; wer seinen Platz verläßt, verliert ihn.

DaS ist richtig, erwiderte das Kind, wer seinen Platz verläßt, verliert ihn.

Ha! Diebier, welche Vorbedeutung !

Wenn man doch abergläubisch seyn wollte!

25. Dezember, zwei und ein halb Uhr.

Also in einer halben Stunde wird Madame de Zerny mir Herrn Gaston vorstellen.

Soll ich bleiben? Soll ich weggehen?

Diese zwei Fragepunkte gehen in meinen Gedanken hin und wieder wie die verzweifelnde Monotonie der Pendelbewegung meiner Pendule. Dreimal sagte ich Julien, daß ich Nervenleiden habe und Niemanden em­pfangen könne, und dreimal sagte ich ihr, daß es besser gehe und ich Besuch anzunehmen im Stande sey.

O, Gaston, sie müssen mich viel lieben, um mir Alles das zu vergelten, was ich schon litt und noch für Sie leiden werde.

Ich habe eben nochmals den im Bureau meines Mannes gefundenen Brief wieder gelesen. Dieser Brief