Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
1850. — ^ 8.
□ Tagebuch einer jungen Frau. ModerneZüge auS dem L ejb en der großenWelt.
Aus dem Französischen des Alberic Second von Fr. Bouffier.
(Fortsetzung)
20. Dezember.
Ich bin neunzehn Jahre alt, habe einen geschmeidigen Wuchs, einen niedlichen Fuß, eine kleine Hand, einen rosenrothen Mund, schwarze Augen, blonde Haare und bin wie närrisch in meinen Mann verliebt, und man behandelt mich, als wenn ich graue Haare, schielende Augen, gefalteten Mund, lückenhafte Zahnreihen, eine runzliche Hand, einen ungeheuern Fuß, einen nicht gebildeten Wuchs und ein Alter von siebenundfünfzig Jahren hätte. Ein Räthsel, welches ich nicht lösen, und ein Geheimniß, das ich nicht ergründen kann.
Wann ich ganz Liebe bin, woher kommt es, daß er ganz Eisenbahn ist?
21. Dezember.
Nun endlich! das Geheimniß ist ergründet, das Räthsel ist errathen. Ich machte heute einen kostbaren Fund. Ich war in Didiers Kabinet, wo ich, seinen Schreibtisch durchwühlend, einige Bogen glacirteS Papier suchte, um mein Tagebuch fortzusetzen. Durch Zufall stieß meine Hand an eine verborgene Feder. Die Feder sprang auf und ich sah sich eine Schublade öffnen, die ich nicht vermuthet hatte; diese Schublade war voll par- fümirter Briefe. Einen Augenblick hoffte ich, daß ich da, kostbar verschlossen, meine ganze Korrespondenz als junges Mädchen vor mir hätte; aber diese Hoffnung entschwand gleich; ein flüchtiger Blick (reizte mir hin, um mich zu überzeugen, daß diese Briefe nicht von meiner Hand geschrieben waren. Es ist eine Episode aus dem Junggesellenleben des Herrn de Serthain; ein wahrer Roman,
in ein Dutzend elegante Umschläge eingehüllt. Hier ist das letzte Kapitel diess kleinen Liebesromans; ich habe es schon zehnmal gelesen und wieder gelesen, und schreibe es an diese Stelle, um mich stets daran zu erinnern:
„Lassen Sie mich, mein lieber Freund, ihrer Heuchelei und ihren Lügen zu Hülfe kommen. Sie haben mich geliebt, Sie lieben mich nicht mehr. Ich thue best ser als daran zu zweifeln, da ich dessen sicher bin. So sparen Sie denn eine Vorstellung, die Ihnen peinlich und mir verhaßt seyn muß. Nehmen Sie ihre Freiheit zurück, weil es Ihnen beliebt hat mir wieder zu nehmen Ihr Herz."
„Ich sage Ihnen diese Sachen ohne Bitterkeit, glauben Sic es wohl; ich bin nicht überrascht durch das, was geschah; es mußte unausbleiblich so kommen. Habe ich nicht Alles gethan , was nöthig war, daß es so ist? Es ist meine Schuld, meine eigene Schuld, meine sehr große Schuld."
„Meine Liebe für Sie ist zu aufrichtig, zu tief gewesen , als daß ich gedacht hätte, Koquetrerie oder List in unser Verhältniß zu bringen. Ich ließ Sie in meines Herzens geheimste Falten nach Ihrem Belieben dringen. Was haben Sie da gefunden? Ihr Gedenken allein, allein Ihr Bild. Die ganze Zeit unserer Verbindung zeigte ich mich vor Ihnen wie ich war: stolz Ihrer Liebe, glücklich eines Ihrer Blicke, freudig eines Ihrer Lächeln. Mit Ihnen verglichen schienen mir die andern Männer anmuthloS, dumm, verunstaltet. Ich sah nur Sie, ich träumte nur von Ihnen, Sie allein verk ârten mein Leben. Ich habe eS Ihnen gesagt, wiederholt und bewiesen während sechs Monaten. DaS ist mein Unrecht; es ist sehr schwer, und ich bereue es heute."
„Ihr Herren liebt unS nur dann viel, wenn wir Euch nur ein wenig zu lieben scheinen. Seid Ihr Eures Triumphes sicher, dann bereitet Ihr einen neuen
