Der Wanderer.
BellettWchrs Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1849. — .45 306 & 307.
D Le Wallfahrt.
(Fortsetzung und Schluß.)
In M. angekommen, trat ich weinend und zitternd vor die stolze alte Frau, die meinen Eltern statt Liebe bitteren Haß bewiesen, und die auch mich, großmüthig zwar, doch ohne ein Zeichen von Freude oder Zuneigung bei sich aufnahm. Und so ist es auch geblieben bis zu dieser Stunde. Sie sorgt mit aufmerksamer Güte und freigiebiger Hand für das Kind ihres Sohnes, aber es sind nur seltene und flüchtige Augenblicke, in welchen sie, hingerissen von der Einwirkung eines heftigen Kummers oder einer unerwarteten Freude vielleicht, ein wärmeres Gefühl, als das der Pflicht, gegen die arme Anna äußert. Denn ich bin in ihren Augen nicht blos Anna Wollin, die Tochter ihres Sohnes, nein, auch das Kind meiner armen Mutter.
Als es Abend wurde, verlangte ich nach T. zurück, um die letzten Pflichten gegen die geliebte Verstorbene zu erfüllen. Meine neue Beschützerin schlug mir die Erfüllung dieses Wunsches unbedingt ab; aber ich weiß nicht, woher ich den Muth nahm, das als ein Recht von ihr zu fordern, was sie als das Verlangen eines bloßen überspannten Gefühles zu betrachten, sich den Anschein ' gab. Ich kehrte mit Agnes zurück zu der bleichen Hülle der besten Mutter, und am dritten Tage sah ich den Hügel sich über das Herz wölben, das allein auf der ganzen weiten Erde die Empfindungen der Liebe und Zärtlichkeit für mich gehegt.
Nein, o nein, theuere Anna! rief in großer Bewegung Eugen: noch Ein Herz auf Erven liebt dich, liebt dich treu und warm, wie nur die beste Mutter lieben kann, und mit noch unendlich viel innigerem und zärtlicherem Gefühle. O, laß mich von nun an sorgen für
dein Glück, und an meinem Herzen soll die trübe Vergangenheit selbst dir nicht bitterer erscheinen, als die Erinnerung an 'einen fernen, bald vergessenen Traum.
Gütiger Gott! stammelte Anna zitternd, selbst meine edle Mutter ist nicht glücklich geworden, wie sollte denn ich auf Glück hoffen dürfen? Die Schwüre, die mein Vater ihr that, waren die heißesten und heiligsten, und dennoch — welche Schmerzen verdankte sie ihm!
Anna, flüsterte Eugen, war ich dir denn nicht treu? so treu, daß du selbst sogar mit deiner Schönheit und all deiner kindlichen Natur mich nicht untreu machen konntest dem stillen blassen Bilde von dir, das ich trauernd und hoffnungslos in meinem Herz trug?
Ach! versetzte Anna schwermüthig und zweifelnd, ist Liebe denn wohl stärker als Gram ? Als meine Mutter jung war und glücklich, da glaubte auch mein Vater, sie ewig zu lieben; und wie bitter hat er sich selbst getäuscht und sie, die ihm so arglos vertraute!
O Gott! stammelte Eugen mit wankender Stimme und tödtlich erbleichend, du liebst mich nicht! — Anna blickte schüchtern auf, und als sie die Blässe seines Gesichtes und den Schmerz in seinen Zügen sah, vergaß sie aller Zweifel und aller Sorgen nm ihres eigenen Glückes. Nur bemüht, seinen Gram zu enden, faßte sie innig seine Hand und betheuerte ihm erröthend ihre Liebe und ihren Glauben an seine Treue.
Was soll ich nun noch ferner von dem Loose der Glücklichen erzählen? Madame Wollin gab gern ihre Enkelin dem Sohne von Auguste Linden, und als der Abendstern sein friedliches Licht auf den Kirchhof zu T. goß, knieten die verklärten Verlobten auf dem Grabe der Mutter, und Anna weinte die süßesten Thränen auf die Stelle nieder, an der sie einst die bittersten geweint hatte
