Der Wanderer.
Bcllktriftiichcs Beiblatt zur Nassauischcn Alldem. Zeitung.
1849. — â 304.
Die Wallfahrt.
(Fortsetzung)
Einmal, ja, einmal noch, erwiderte Eugen mit einem tiefen Athemzuge. Ich kehrte in den Gasthof zurück und begab mich bewegt, unruhig und verstimmt auf mein Zimmer. Ich hatte nicht Lust, schon schlafen zu gehen, sondern ich legte mich in's Fenster, verdrießlich, daß eS nicht auf die Straße, sondern auf einen kleinen, eng um, bauten Hof hinaus sah. Ganz nahe mir gegenüber stand auch ein Fenster offen; cs lag etwas niedriger als das meinige, und ein Licht, das in der Mitte des kleinen Zimmers auf dem Tische stand, ließ mich den engen Raum völlig übersehen. Auf einem Bette im Hintergründe des Zimmers schien ein schwer Kranker zu liegen; denn ein ältlicher Mann, den ich für einen Arzt hielt, und ein junges Mädchen bewegten sich geschäftig um das Lager. Nach einer Weile brach ein leiser, unterdrückter Schrei von den Lippen des Mädchens; dann war Alles still. DaS Kind war neben dem Lager in die Kniee ge, sunken, die Kranke schien regungslos zu liegen und der Arzt hielt wie prüfend ihre Hand. Er ließ sie leise loS, beugte sich zu dem jungen Mädchen herab und schien ihr zuzureden; sie wandte ihm ihr Gesicht zu, schien ihn aber nicht zu verstehen; er grüßte und verließ das Zimmer. Das Kind wandte langsam seinen Kopf.der Leiche zu — denn ich glaube, die Frau war gestorben — und ließ dann die Stirn schwer auf den Rand des Bettes sinken. Mein Herz war von Mitleid zerrissen; das einsame, verlassene Kind an der Leiche, vielleicht seiner Mutter! — Als sie sich endlich aus ihrer stummen Trauer aufraffte und sich in der Bewegung tiefsten Schmerzes gegen das Fenster wandte, erkannte ich meine schöne Betende. Sie schrak zusammen, als ihr Blick auf mich fiel. Sie schloß
das Fenster, und ich sah nichts mehr, weder von ihrer Schönheit noch von ihrem Schmerze.
O, Gott! rief Anna, die letzten Worte überhörend, bleich, zitternd und in der heftigsten Bewegung, das war ich— ich selbst,— und die Kranke, die Todte war meine arme, theure Mutter.
Sie, Anna, Sie? fragte Eugen aufs tiefste erschüttert und erstaunt; es ist nicht möglich! — Und doch — diese Züge! Als ich Sie zum ersten Male nach jenem Abende wieder sah, in diesem Frühlinge, als Sie in den Dom gingen, augenblicklich fiel diese wunderbare Aehnlich- keit mir auf; aber dennoch, dennoch konnte ich mir nicht denken . . .
Daß, ergänzte Anna mit einem schwachen, schmerzlichen Lächeln, daß die Enkelin der wohlhabenden Madame Wollin und jene verlassene Waise Eine und dieselbe seyen. Aber Sie sollen und müssen nun Alles erfahren, und Sie, der glaubte, dem Herzen Anna's sey jeder tie, fere Schmerz bisher noch fremd geblieben, Sie sollen sehen, wie dieses selbe Herz schon mit der bittersten Verzweiflung rang.
Erzählen Sie, bat Eugen gespannt; und Anna begann:
Ich muß zuerst von einer längst vergangenen Zeit zu Ihnen sprechen. Mein Großvater war der angesehene Gutsbesitzer Wollin in L. und seine Gattin eine reiche und edle, aber stolze und strenge Frau, wie Sie dies noch jetzt an meiner siebenzigjâhrigen Großmutter erkennen können. Sie verlor ihren Gatten früh, und er hin- terließ ihr mit einem ehrenvollen Namen und einem be- trâchtlichenVermögen einen einzigen Sohn, einen schönen ; und talentvollen Knaben, der aber mit der Gestalt, dem ; Geiste und dem edeln Herzen feines Vaters zugleich auch [ den Stolz und die strenge Festigkeit seiner Mutter geerbt «hatte, die in seiner früheren Jugend bei verschiedenen Veranlassungen beinahe in Hartnäckigkeit ausgeartet seyn
