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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur

Allgem. Zeitung.

1849. — Jf 302.

Die Wallfahrt

(Fortsetzung)

Diese Erklärung nahm der junge Mann mit großer Freude auf, und im ferneren Gespräche erfuhr er, daß Madame Wollin früher in L. gewohnt habe, wo sie seine Mutter, damals ein junges, schönes Mädchen, kennen ge­lernt und sehr lieb gewonnen habe. Mit dankbarer Be­geisterung sprach auch Eugen von dieser theuren Mutter, und mit lebhafter Theilnahme hörte die sonst so ernste, kalte Frau ihm zu. Auf Anna's junge Stirn aber war ein Wölkchen gesunken, und beinahe mit einer Art von Scheu sah sie auf den fremden Jüngling, seit er die Namen seiner Eltern genannt hatte. Als er endlich seinen, fast zu sehr verlängerten Besuch endete, nahm sie mit unver­kennbarer Befangenheit Abschied von ihm, und sein Gehen schien ihr fast lieb zu seyn, obgleich sein Kommen sie doch vorher mit so herzlicher Freude erfüllt hatte.

Eugen Delden benutzte von Stund' an die Erlaub­niß der Madame Wollin, ihr HauS als ein ihm ver, wandtes zu betrachten, und ehe noch der Sommer seine volle Höhe erreicht hatte, war er der tägliche und er­sehnte Gast der beiden einsamen Frauen. Kein heiterer Abend sank mehr auf das freundliche St. Johann nieder, und er saß in ihrer Mitte in dem stillen Garten oder am offenen Fenster des kleinen Wohnzimmers, ein ver­trauter Freund , ein unentbehrliches Glied der kleinen Familie. Die gewöhnlich ernste und schweigsame Groß, mutter war freundlicher und gesprächiger in seiner Gesell­schaft, und Anna schätzte in ihm bald einen erfahrenen und wohlgemeinten Freund. Er half ihr bei ihren leichten, mädchenhaften Studien, lobte oder tadelte ihre Zeichnungen und Stickereien und lauschte mit unver, holenem Entzücken, wenn sie mit einer Stimme, so weich und lieblich, wie sie je über schöne junge Lippen

drang, die kleinen, einfachen Lieder zum Klavier sang, die sein Geschmack für sie ausgewählt hatte. Manchmal erzählte er ihr auch von dem Lärm und dem Treiben großer Städte, von der Unruhe, dem Ehrgeize, der Hab­sucht, die so manchem das Leben verbittern und verkürzen, und si^ horchte voll Erstaunen aus diese Nachrichten auS einer Welt, die ihrem einfachen, kindlichen Gemüthe fremder und fabelhafter erschien, als selbst bas Reich der Feen. Das stille Haus ihrer Großmutter hatte sich seit Eugen's Eintritt in dasselbe in eine Freudenstätte für sie verwandelt.

Eugen sah bald die reinste Zuneigung für sich in dem Herzen der offenen, arglosen Anna erblühen; denn sie, unbekannt mit der Natur der Gefühle, die ihre ganze Seele erfüllten, dachte nicht daran, sie irgend einem menschlichen Auge zu verbergen. In ihrer Unkenntniß alles Konventionellen offenbarte sie willenlos ihrem Ge­liebten das Geheimniß, bas ihr selbst zur Zeit noch ver­borgen war. Diese glückliche Entdeckung erfüllte Eugen's Brust mit unnennbarem Entzücken, denn er theilte im höchsten Grade Anna's Leidenschaft. Dennoch gab es Augenblicke, wo seine Erinnerung einen bleichen Schatten in ihm herauf beschwor, vor welchem selbst seine glühende Liebe erblaßte, und der, obgleich innig verwebt mit Anna's schönem Bilde, dasselbe dennoch in seinem Herzen zu entthronen drohte.

Gegen das Ende des Sommers sprach Madame Wollin den Wunsch aus, die kleine Stadt T., einen viel besuchten, kaum zwei Stunden von M. entfernten Wall­fahrtsort, zu besuchen; denn die alte Dame hatte in ihrem ganzen Leben den frommen Gebrauch beobachtet, alljährlich an einem fremden Orte ihre Andachtsübungen zu verrichten , um sich so, losgerissen von ihren gewohn­ten Geschäften und Gedanken, ganz und ungestört dem Gebete zu weihen. Liebe Großmutter! rief Anna, als