Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

BellttrWchcS Beiblatt zur Nassauischen Alldem. Zeitung.

1849. — M 301.

D L e Wallfahrt.

(Fortsetzung)

Als am folgenden Morgen Anna an der Seite ihrer Großmutter saß und ihr ausführlich die Begcgnisie der verflossenen Nacht erzählte, war ihre schöne Wange blasser als gewöhnlich, und ihr Wesen verrieth eine leichte Spannung, die, wie gering auch, dennoch ungleich ihrer sonstigen kindlichen Unbefangenheit erschien. Die Groß­mutter hörte ihr aufmerksam zu; aber so leidenschaftlich dir alte Frau fich auch gestern in den Augenblicken der Angst und der überraschenden Freude bewiesen hatte, so kalt unv unbewegt blieb sie jetzt bei der Schilderung der Gefahr ihrer Enkelin, unv bei den Ausdrücken tiefer Dankbarkeit, womit diese ihrer Rettung und vorzüglich ihres Retters selbst gedachte. Es ist gut, sagte sie in ruhigem Tone, daß die Fürsehung über dich wachte und dir Hülfe sandte, als du ohne fremden Beistand ver­loren gewesen wärest. Aus diesem Vorfälle kannst du lernen, Anna, daß die Natur eines Mädchens nur für die sichere Stille des Hauses berechnet ist, und daß sie von Verlegenheiten und Gefahren bedroht wird, sobald sie sich ohne genügenden Schutz hinaus wagt. — Nun aber find wir dem Fremden Dank schuldig geworden, . und müssen ihm denselben abtragen, was eine neue Schwierigkeit für uns, zwei einsame Frauen ohne Rang und Einfluß, ist.

Liebste Großmutter, entgegnete Anna und heftete ihre großen blauen Augen fast verwundert auf das ernste, blaffe Gesicht der Sprecherin, ist eS denn nöthig, Ansehen und Macht zu besitzen, um dankbar zu seyn? Dann müßte ja die arme Anna zittern, Eine der tausend Wohl­thaten aus deiner Hand zu empfangen, wodurch du ihre Jugend beglückst. Denn wie könnte ich dir Eine — Eine nur vergüten?

Das ist ein Anderes, versetzte die Matrone ernsthaft, beinahe unfreundlich; du bist mir verwandt, ja, meine einzige Verwandte; und obgleich deine Mutter ... ob­gleich sie . . . genug, du bist eine Wollin, und was ich dir thue, daS thue ich der Tochter deines VaterS.

Diese Rede machte die arme Anna verstummen; ihr kindliches Antlitz nahmGen Ausdruck tiefen, schmerzlichen Sinnens an, und auch die Großmutter schien mit den Geistern einer unerfreulichen Vergangenheit zu verkehren. Erst die Meldung, daß der Fremde, der in der verflossenen Nacht das Fräulein nach Hause geführt habe, die Damen zu sprechen wünsche, unterbrach das fast peinliche Schweigen.

Er ist willkommen, sagte die alte Dame zu ihrer Dienerin und erhob sich mit würdevollem Anstande, um den Eintretenden zu empfangen. Von Anna's beredtem Antlitze waren mit einem Male alle Spuren von Ernst und Trübsinn verschwunden, und mit Erröthen, aber mit unbefangener, kindlicher Freude bewillkommte sie den Mann, für den ihr reines Herz ein Gefühl so inniger, aufrichtiger Dankbarkeit hegte.

Ich bin sehr glücklich, sagte der Fremde, daß ich Sie wohl finde, und daß Sie beide, meine Damen, den Schrecken der vergangenen Nacht jetzt ganz überwunden zu haben scheinen. Ich hatte viele Sorge um Sie, Ma­dame, und nicht minder um das Fräulein.

Wir müssen uns geschmeichelt fühlen durch das In­teresse, das Sie an zwei einsamen unbekannten Frauen nehmen, erwiderte die Matrone mit vieler Höflichkeit, aber zugleich mit Zurückhaltung; aber so äußerst werthvoll Ihre gütigen Gesinnungen für uns sind, so müssen wir gleichwohl empfinden, daß sie uns Ihnen gegenüber neue Verbindlichkeiten auferlegen, da wir doch noch nicht im Stande waren, Ihnen unsere früheren großen Verpflich­tungen abzutragen.