Der Wanderer.
BellcNMchcS Beiblatt gut Nassauischen Allgem. Zeittmg.
1849. — As 899.
Die Wallfahrt.
(Fortsetzung)
Als die Spitze des Trauerzuges das Thor der dunkeln Kirche erreichte, erhellten plötzlich tausend glänzende Lichter bas Innere derselben, und die hohen Fenster warfen lange, glänzende Lichtstreifen auf die Schattenmassen der Häuser und Baumgruppen umher. Der tiefe Klang der Orgel füllte, mehr und mehr anschwellend, die Räume des alten Gotteshauses, und die klagenden Melodiken, mit denen der katholische Kultus zum Herrn alles Lebens um die Ruhe der Todten steht, schlugen düster an Anna'S Ohr. Die Feierlichkeit des ganzen Auftrittes wirkte, verbunden mit einer mächtigen, schmerzvollen Erinnerung, so heftig auf sie ein, daß sie, Alles um sich her vergessend, mit gefalteten Händen und überströmenden Augen ihr Gebet mit demjenigen vereingite, das eben von hundert kälteren Lippen an der offenen Gruft des Verstorbenen ertönte.
AuS diesem träumerischen Selbstvergessen weckte sie die Stimme ihrer alten Dienerin, die sie darauf aufmerksam machte, daß, der ganze Leichenzug inS Innere der Kirche verschwunden sey und die Menge schon nachdränge, und daß eS jetzt hohe Zeit sey, den Eingang zu suchen, wenn man noch einen Platz gewinnen wolle. Anna klammerte sich fest an den Arm ihrer Begleiterin und folgte ihr mit ängstlichem Gefühle in das Gedränge, während die alte AgneS sie beschwor, sich fest an ihr zu halten. Aber je mehr sie sich dem ziemlich engen Portale der Kirche, dem Ziele so vieler ungestümen Wünsche, näherten, desto schwieriger wurde es, dasselbe zu erreichen. Die Menge wogte hier schnell und gedrängt durch einan, der und trennte bald die beiden zitternden Frauen. In wenigen Augenblicken, ohne daß sie selbst wußte, wie ihr geschehen, war die alte Dienerin bis in die Mitte der
Kirche gedrängt, während Anna, gegen die äußere Mauer des Gebäudes geworfen, sich von allen Seiten beengt und gepreßt fühlte. Sie rief in tödtlicher Angst den Namen ihrer verschwundenen Begleiterin, aber ihr schwacher Ruf verhallte ungehört in den tausend Stimmen um sie her.
Ihr Kopf schwindelte, ihr Auge verdunkelte sich, und sie verlor das Bewußtseyn. Unfehlbar würde sie jetzt niedergesunken seyn und unter den Fußtritten der vorübereilenden Menge einen frühen und schrecklichen Tod gefunden haben, wenn nicht ein Mann in ihrer Nähe sich Bahn zu ihr gebrochen und die Niedersinkendc mit der Rechten umschlungen hätte. Mit seinem kräftigen Körper schirmte er sie so lange gegen daS Anbringen der Menge, bis die Gefahr vorüber war.
Als er allmählich Raum gewonnen, trug er seinen Schützling vollends aus dem Gedränge. Sein Auge fiel auf ein naheliegendes Haus von bescheidenem Aeußerem durch dessen schlecht verschlossene Läden noch Licht schimmerte. Zugleich bemerkte er in der halboffenen Thür des Häuschens die Umrisse einer weiblichen Gestalt, und schnell entschlossen hob er die ohnmächtige wieder in feine Arme und trug sie zu dem neuen Zufluchtsorte hin.
Gute Mutter, redete er die alte Frau, die erschrocken einen Schritt zurück wich, an, diese junge Dame ist im Gedränge ohnmächtig geworden, erlaubt, daß ich sie in Euer Haus bringe; und wollt ihr mir ein ruhiges Plätzchen anweisen und mir helfen, sie inS Lebrn zurück zu rufen, so werde ich Euch sehr dankbar seyn.
Kommt nur herein, junger Herr, in daö Hinterstübchen , sagte die gutmüthige Alte; und mit diesen Worten leuchtete sie dem Fremden vor, über eine schmale Treppe in ein kleines, freundliches Zimmer, wo er feinen ' Schützling auf daS Bett der alten niederlegte. Wer be-
