Der Wanderer.
BkllctrWchcS Beiblatt zur Raffamschcn
1849. — â 893.
Die Lateiner
(Fortsetzung.)
Er hatte ihr noch nicht seine Liebe gestanden, und dennoch war er der ihrigen gewiß. Sie hatten noch keine Worte gewechselt, aber Blicke, und Ein Blick spricht hier lauter, als tausend Worte. Sie war entzückt, wenn sie ihn sah, und er trank Wonne und Liebeslust aus ihren Augen. Kurz, sie liebten sich, und waren glücklich im Bewußtseyn ihrer Liebe.
Der Kandidat hatte also die Lateiner entlassen und trat heiter in daS Haus. Die geschwätzige Frau Rektor tischte ihm nach gewohnter Weise die Neuigkeiten des Städtchens auf.
„Haben Sie auch schon von dem Heiraths-Antrag des Herrn Schrickel gehört?" fragte sie unter Anderem:
„Welches Herrn Schrickel?"
„Ei, kennen Sie nicht den reichen Hagestolzen, der hier ein so großes Haus macht?"
„Ich habe vielleicht einmal seinen Namen gehört, aber wieder vergessen, weil man von ihm nicht mehr zu sagen wußte, als daß er reich ist."
„So ist es, Herr Kandidat! Auch hat der Mensch einen so scheuen Blick, daß mir in seiner Nähe immer ganz unheimlich wird. Er betrat sonst wenig des Bürgermeisters Haus, aber seit Anna wieder hier ist, kommt er fast jeden Tag hin, und heute hat er dem Fräulein seine Hand angetragen und Präsente gemacht."
„Und sie hat ihn angenommen?" rief der Kandidat sichtbar bestürzt.
„Nicht angenommen, Herr Kandidat, aber auch nicht zurückgewiesen. Annachen kennt ihren Vater zu gut. Er hat seine Frau, die selige Katharine, zu Tode gequält, und wird auch das arme Mädchen noch unglücklich machen. Sie hat nicht sehr viel Vermögen, und da
kommt dem alten Filz ein so reicher Schwiegersohn wie gerufen."
Der Kandidat hatte genug gehört. Er empfahl sich und eilte auf sein Zimmer. Was sollte er nun beginnen? Sollte er zu ihr eilen und von seiner Liebe stammeln? Das war unmöglich, da bereits die Nacht hereingebrochen war, und hatten ihm auch die Sterne, denen er so oft schon sein Leid geklagt, den Pfad zu ihrer Thüre erhellt, so war sie doch verschlossen. Sollte er zu ihrem Vater gehen und ihm sein Herz eröffnen? Er wird dich mit Hohn abweisen, der gefühllose Mensch, dachte er bei sich. Oder sollte er ihr entsagen? — Er suchte sich mit diesem Gedanken zu befreunden. Er betete, und fand Trost, aber nur auf kurze Zeit. Seine Liebe war zu heftig und der Wechsel der Dinge zu rasch. Er hätte sich nie von einem so gefährlichen Nebenbuhler träumen lassen. Unruhig warf er sich auf seinem Lager umher, und erst spät schlummerte er, von Müdigkeit entkräftet, ein, um von seiner Anna zu träumen.
2.
Ahnest du, o Seele wieder Sanfte, süße Frühlingslieder? Sie umher die falben Bäume, Ach, es waren holde Träume!" Uhland.
i I Die Lateiner schritten wohlgemuth zum Thore hinaus, dem nahen Buchenwalde zu. Die Lust nach Abenteuern beflügelte ihre Schritte, und wenn auch der Fang eines seltenen Käfers, der Fund einer neuen Pflanze, oder die Jagd auf ein Eichhörnchen bei unS nicht als Abenteuer gelten kann, so hatten doch für unsere Lateiner solche Dinge einen hohen Werth. Kaspar fand diese Ausflüge zwar etwas „unburschikoS," aber sie waren ihm lieber, alSËdas lange Ätzen auf der Schulbank, und jo
