Freiersmann mit deiner Mutter zum Abendbrod. Einstweilen Gott befohlen.--
Ilm Mitternacht schlichen am Domhof einige Gestalten umher, um die Gewappneten abzumahnen, die etwa zum Stelldichein sich einfänden. Diese Vorsicht war überflüssig. Hier und da kam wohl einer ohne Waffen herbei, um nachzuschauen, ob die Freunde vielleicht sich einstellten, und dann allenfalls nach Befinden wie sie zu thun. Keiner mochte der Erste seyn, wodurch es geschah, daß der Zweite, der Dritte und Alle Uebrigen ausblieben. Bevor der Morgen graute, begannen die Vorbereitungen zur Hegung des hochnothpeinlichen Hals- gerichtes vor den Augen des Volkes, und als die Mittagsglocke schlug, war draußen zu Melaten die Mahlzeit für des Freimanns schwarze Tauben längst angerichtet. Krächzend umflatterten diese den Dreibein und hackten mit ihren scharfen Schnäbeln vier Augen aus, welche noch den Morgenstrahl mit hoffender Zuversicht begrüßt und auf dem schweren Gange rechts und links nach den verheißenen Rettern vergebens ausgespäht hatten.
Bald darauf feierten Lena und Drickeö ihren Ehrentag. Der alte Jörres war besonders fröhlich und guter Dinge, weil just die Kunde eingelaufen, daß die Türken von Wien, der unbezwungenen Kaiserstadt, mit blutigen Köpfen hatten weichen müssen. Darum sprach der Greis : Die Welt muß doch noch nicht so schlecht seyn , als sie werden kann, denn sonst" hätte der Herr nicht in seiner Barmherzigkeit die heidnischen Heerschaaren wieder zurück gejagt. Fast könnte mich kränken und grämen, daß es demnach noch viel, viel schlimmer auf Erden werden muß, bevor die Saat für die Sichel reift und die alten Weissagungen sich erfüllen; doch das brauche ich ja nicht zu erleben, und ich darf meine Augen in Frieden schließen.
Ruine Tannenberg
Briefliche Mittheilung aus der Darmstädter Zeitung.
Aus der Bergstraße, 23. November.
Nachdem durch wiederholt gegebene Notizen in diesen Blättern die Aufmerksamkeit auf die Ruine Tannenberg und die aus Befehl Sr. L Hoheit des Hroßherzogs von Hessen in derselben veranstalteten Ausgrabungen hinge^ lenkt worden ist, glauben wir es im Interesse der Leser, wenn wir die neuesten Resultate der noch stets eifrig fortgesetzten Nachgrabungen mittheilen und einiges über die hauptsächlichsten der neuen Funde anschließen. Die Nachgrabungen begannen auf mehreren Punkten zugleich. Es galt, die Hauptgebäude der Burg zu finden und die
Umfassungsmauern blos zu legen, und somit wurde auf dec obersten Fläche des Berges, in der Nähe der Trümmer des Thurmes und tiefer in der Nähe des Burg- grabenS eingefchlagen. Am ersten Punkt traf man bald auf eine Treppe, welche in ein halbverschüttetes Kellergewölbe führte. Außer einigen wenigen Pfeilspitzen fand man nur einige behauene Steine. Glücklicher war man in der Nähe deS sogenannten Tempelchens, wo man bald nachher auf's Geratewol einschlug; hier „sprudelte der Boden" in der That von Funden, unter denen ein großer Kessel von Kupfer, eine große Pfanne von demlelben Metall, Mistgabel, Heugabel, Karste, Schlösser, Schlüssel und dergleichen. All' dies folgte sich so schnell, daß das Wort des GroßherzogS: „der Tannenberg scheint ein mittelalterliches Pompeji werden zu wollen," seine volle Berechtigung erhielt. Fünf später noch ausgegrabene Räume drückten demselben immer mehr ihr Siegel auf, sie waren alle mehr oder weniger ergiebig und zwar so, daß die Sammlung der ausgegrabenen Gegenstände gegenwärtig außer vier großen Tischen noch einen kleineren, einen Theil der Hauptwand und einen großen Schrank in der Silberkammer des Schlößchens des Prinzen Alexander füllt. Am Burggraben stieß man bald auf Mauerwerk und gelangte, dessen Spur verfolgend, zu dem Hauptthor, welches in den äußeren Zwinger sührte; zu den in dessen Nähe gelegenen Räumen für die Knappen, und endlich, nach Bloslegung der äußeren Umfassungsmauern, in den jüngsten Tagen zu dem Thor, welches den Einlaß in den einen Burghof gewährte. Die Lage und der Charakter der bis dahin ausgefundenen Räume ließen inzwischen in diesen nur Nebengebäude sehen. Die Hauptgebäude, Palas, Kemenate und Kapelle zu finden, wurden die Arbeiten nunmehr auf den obersten Theil der Burg konzentrirt, unb dies lohnte sich in der vergangenen Woche in so fern, daß die Kapelle und der Brunnen zu Tag kamen.
Die erstere liegt, wie dies durchgängig fast der Fall ist, in der Nähe des Thores und hat genau die übliche Richtung von Westen nach Osten. Sie bildet ein längliches Viereck, an dessen westlicher Wand sich noch der sehr roh gehauene Weihwasserkessel von weißem Sandstein eingemauert findet. Auf dem ganz dünnen Fundamente konnte nur eine Holzwand ruhen, die, wie in der Kapelle des Frankensteins, eine platte Decke trug, für ein Gewölbe sind die Grundmauern zu schwach. Neben ihr liegt ein anderer, gleich großer Raum, wahrscheinlich die Wohnung des Burgkaplans, der noch sechzig Jahre nach deè Zerstörung der Burg den Dienst in der Kapelle versah und den Berg erst dann verließ, als die Baufälligkeit der Gebäude ihn dazu zwang. Der Altar, welcher dem heil. Johannes dem Täufer geweiht war, wurde nach einge-
