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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgeur Zeitung.

1849. — 889.

IV. Nach Melaten.

Altkölnische Stücklein.

(Fortsetzung.)

Für den „Dritten" waren die Steinplatten des Estrichs im Nu zu Tafeln rothglühenden Erzes umge­wandelt, doch wagte er dieses Mal nicht zu fliehen. Besser würde es seyn, meinte er in seinem Sinne, die unermüdliche und unerbittliche Verfolgerin mit freund­lichen Worten zu beschwichtigen. So hob er dann an: Ich bin mir schwerer Schuld gegen Euch bewußt, edle Frau. Die Schuld würde sich nur vergrößern, wenn ich unternehmen wollte, zu erklären und zu beschönigen, waS zu thun mein trauriges Loos mich zwang. Nichts bleibt mir, als eure Vergebung zu erflehen, und dennoch weiß ich nicht, wo ich zu solcher Bitte den Muth her­nehmen, in welche Worte ich sie kleiden soll?

Wehe mir, der unseligsten aller Frauen! seufzte Gabriele.

Einen Schritt näher tretend und die Hände faltend, fuhr Heinrich in bittendem Tone fort: Milde Großmuth üben ist daS Vorrecht der Herrscher dieser Welt, und welche Königin ist hienieden erhabener und ehrwürdiger, als die Schönheit? Verzeihen ist das Tagewerk der Engel, und da nun des Himmels Gnade Euch zum Eben­bild eines Engels geformt, so ist Euck) zweifelsohne auch die Aufgabe geworden, zu thun, wie Engel thun.

Zu spâtl hauchte sie, während ihre feuchten Blicke auf Heinrich'S Zügen hafteten.

Der Ausdruck in Gabrielens Augen war nicht ge­eignet, den Bittenden zu entmuthigen. Gewiß, Ihr habt mir vergeben, sprach er noch dringender denn zuvor, längst ist es geschehen und darum kommt meine Bitte zu spät. Wie konnte ich Thor mir auch einbilden, Ihr

würdet mich für würdig halten, Jahre lang ein Gegen­stand Eures Zürnens zu bleiben? Ihr habt mich längst vergessen, und nur als ein Schatten aus verklungenen und verschollenen Tagen stehe ich vor Euch. Nun denn, so seyd großmüthig genug, ein Wort mit den Lippen auszusprechen, das Ihr bisher nur gedacht habt. Laßt mein Ohr den Laut vernehmen, der mir den Frieden wiedergeben soll.

Trübselig schüttelte Gabriele daS Haupt. Die Hand auf's Herz gepreßt, versetzte sie in vorwurfsvollem Tone. Heinrich, weßhalb sprachst Du nicht diese Worte in Sa­lamanca? warum erst heute? Doch wie vermöchte ich Dir zu zürnen? Ist die Qual dieser Stunde doch meine eigene Schuld. Mein Frevel allein hat Dich mit der Gluth erfüllt, welche so zur Unzeit aus Dir spricht, und was vor wenigen Jahren noch meines Daseyns Heil ge­wesen wäre, ist heute eine Strafe. Sie trifft mich mit vollem Recht, und ich darf nur Dich allein beklagen, weil meines Frevels Saat jetzt erst in Dir aufgeht, da es zu spät ist. Zu spät, mein armer Heinrich, zu spät!

Nach diesen Worten warf Gabriele noch einen durch­dringenden Blick voll Gluth und Leidenschaft auf den, welchen sie einst mit solcher Inbrunst geliebt, daß sie Himmel, Welt und Hölle darüber vergessen hatte; dann aber war sie, wie durch einen Zauberschlag verwandelt, wieder die stolze Edelfrau, welche TagS zuvor durch die Straßen geritten. Mit eisiger Kälte fügte sie der eben noch so heißblütigen Rede hinzu: Wir sind alte Bekannte, meine werthen Herren, und es wird Euch ohne Zweifel zu einer gewissen Befriedigung gereichen, wenn Ihr ver­nehmt, wie meines bewegten Lebens Schifflein im Be­griffe steht, sich in ruhigem Hafen vor Anker zu legen. Nach mehrjährigem Wittwenstande habe ich meine Hand einem würdigen Gemahl gereicht.

Dem Heinrich stand für den Augenblick das Lachen