Der Wanderer.
BklletrifchcheS Beiblatt zur Nassauische» SlUfltm. Zeitung.
1849. — M 886.
IV. Nach Melaten.
Altkölnische Stücklein.
(Aus der Kölner Zeitung.)
Wenn dem ehrsamen Meister Quentel ein Mühlrad im Kopfe umher ging, so war's kein Wunder. Vor einer halben Stunde hatte Ortwein ihm mit eines Galgen- paterS fertiger Zunge die Hölle heiß gemacht. In der scharfgesalzenen Strafpredigt war gesagt worden: Biegen muß es fetzt oder brechen. Darum bestehen wir auf Vollstreckung des gefällten Urtheils. Heute im Morgengrauen sind die armen Sünder zur Haft gebracht worden, morgen geht es mit ihnen nach Melaten. Kein besserer Tag für eine solche Hinrichtung, als der Vorabend vom Feste des heiligen Erzengels Michael. Er hat den Drachen zum Abgrund hinabgestoßen; sein Beispiel gibt uns Muth und Starke zu gleichem Beginnen. Die Herren haben uns in die Hand hinein verheißen, der unzeitigen Bedenklichkeit, der schnöden Furcht keinen Raum mehr zu gönnen, sondern nach dem Grundsätze zu handeln: Thu' Recht und scheue Niemand. Fiat justitia et pereat mun- dus. Ich sag' Euch das um Eures Weibes, um Eures Kindes willen, wiewohl Ihr an mir keinen Gotteslohn verdient habt. Doch ist diese Warnung die allerletzte, und so Ihr in Euer Verderben rennt, schreibt hernach Keinem die Schuld zu, wie Euch selber...
Jetzt kam der Glarner, um aus dem entgegengesetzten Tone zu pfeifen, nicht minder grell, ohrenzerreißend, herzzerschneidend. Wenn eben zuvor aus dem „dunkeln" Magister die gekränkte Eigenliebe mitgesprochen, so war die Stimmung des „hellen" Magisters durch Zuthaten anderer Art gesteigert. In seinem Kalender stand just einer von den Tagen, an welchen ihn die seltsame Laune zu befallen Pflegte, sich „aichen" zu lassen. Er wußte zwar
aus langer Erfahrung, daß die Flüssigkeit immerdar früher ein Ende nahm, als der Durst, dennoch blieb die oft wiederholte Lehre einmal so vergeblich wie das andere Mal. Heute aber hatte er lauter bösen Wein getrunken. Er sprach von Morv und Todtschlag als von den gewöhnlichsten Dingen, wie etwa ein Hausvater des feisten BorstentrâgerS erwähnt, welchen er um Weihnachten in's Haus metzeln will. — Ich habe Auftrag gegeben, sagte LorituS unter Anderm, mir vierzig handfeste Männer aus den angesehensten Bürgern herauszusuchen. Ihr müßt wissen, Schwiegervater in spe, daß ich mehr als hundert Schüler dazu verwenden könnte, kernhafte, biderbe Burschen, denn sie sind mir alle ohne Ausnahme mit Leib und Seele ergeben und liefen für mich durch's Feuer; aber erbgesessene Bürger muß ich haben, damit die Sache ein rechtes Ansehen gewinne und wir sie vor Kaiser und Reich vertreten können. Geschehen ist so etwas bald genug, aber danach heißt es auch: verantworten und behaupten.
Von Schauern unheimlicher Angst durchrieselt, fragte Lur-Hennes, was denn eigentlich geschehen solle.
Worauf der Andere antwortet: Das läßt sich an denFin- gern abzählen. Unsere Prädikanten liegen bereits in des Grafen von Neuenahr Gewahrsam. Wir haben also keine Zeit zu verlieren. Uns gehört dieser Tag und die Nacht, um den Streich abzuwenden, welchen unsere Feinde so unversehens zu führen meinen. Ueberrascht sind wir, doch nicht entmuthigt. Morgen vor Anbruch des Tages nehmen wir den Greven und die Schöffen fest, sammt den zwei regierenden Bürgermeistern und den Gewaltherren. Ein neues Regiment wird eingesetzt. Die Namen der Erkorenen bring' ich Euch bis zum Nachmittag. Bald nach Mitternacht müssen sie auf einem Dutzend von Bogen gedruckt stehen, damit wir sie können anplacken lassen. Wenn morgen früh der Spießbürger Schwarz puf Weiß
