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Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen Allgcm

1849. — ^ 884.

Paul's merkwürdigste Nacht.

Erzählung von Friedrich Hebbel.

(Fortsetzung.)

Eine kurze Weile machte er nur sehr langsame Schritte , weil er zurückgerufen zu werden hoffte. Dann setzte er sich mit einem Fluch in seinen gewöhnlichen Trab. Bevor er d e Landstraße erreichte, kam er an einem vom Dorf abgesondert liegenden Hause vorbei, welches als eine Diebsherberge berüchtigt war und von einem alten Weibe, sammt ihren drei Söhnen, bewohnt wurde.

„Wenn die alle drei," dachte Paul, „sind, wo sie seyn sollen,' so, will ich mich beruhigen!" und schlich sich mit leisen Schritten unter die erleuchteten Fenster, die nur schlecht mit einigen zerrissenen Schürzen verhängt waren und den Blick ins Innere gestatteten. Die Diebs­mutter saß am Ofen und spann, zwei ihrer Söhne spiel­ten Karten mit einem berüchtigten Herumstreifer, einem Musikanten, ver dritte war nicht sichtbar, aber im Hin­tergründe des Zimmers lag auf einer Streu ein Kerl, von dessen Gesicht man nichts erkennen konnte, als den starken, schwarzen Backenbart, der sich verwegen von dem einen Ohre bis zum andern hinzog. „Der lange Hanns ist nicht zu Hause," dachte Paul und kalter Schauer lief ihm über den Rücken; „der wird der Erste seyn, der mir unterwegs begegnet!" Er lauschte wieder hinein. „Wie grimmig der rothhaarige Marquard aussieht!" sagte er und wußte nicht, daß er seinen Gedanken Worte gab. — „Und der einäugige Jürgen, wie er die Zähne zeigt, wenn er lacht! Doch waS sind.sie alle Beide gegen den Hanns!"

Ein Geräusch entstand, vorsichtig zog Paul sich zu­rück und setzte seinen Weg fort.

Er kam an einer Mühle vorbei, der Müllerhund, seine Kette schüttelnd, bellte ihn an. „Belle nur zu!" rief Paul kühn und schwang seinen Stock. „Wie man doch zuweilen ein Thor ist!" fuhr er nach einer Pause fort, sonst fürchte ich mich wie ein Kind vor Hunden; jetzt mögen mir ihrer zwanzig in den Weg kommen, ich nehme es lieber mit ihnen auf, als mit einem einzigen Menschen!"

Nun befand er sich auf der Landstraße. Wie eine ungeheheure Riesenschlange dehnte sie sich mit unheim, lichsten Krümmungen und Windungen vor ihm aus; eS war still, todtenhaft still, wie eS nur in einer Winter­nacht voll Schnee und Frost seyn kann; der Mond spielte Versteckens mit den Wolken und schien zuweilen hell, zuweilen gar nicht; die ringsum liegenden Dörfer waren in Nebel und Finsterniß begraben; nur hier und da brannte in einem Hause noch ein trübes Licht, als trauriger Gesellschafter eines Kranken, der den Schlaf ruft und oft den Tod kommen sieht, eine dumpfe Kirchen­uhr schlug in der Ferne und Paul zählte ängstlich ihre feierlichen eilf Schläge.

Paul war kein Atheist, aber er schlief manchen Abend ohne sein Nachtgebet ein. Jetzt faltete er an­dächtig die Hände und betete ein Vaterunser. Eine Krâhe flog mit häßlichem Geschrei dicht vor ihm auf. Er fluchte auf seinen unnatürlichen Bruder. Ein Kirchhof lag hart am Wege, auf dessen beschneite Leichensteine der Mond zwei Sekunden lang ein grelles Licht warf. Paul schwur, daß er des Morgens nie wieder vor seiner Mutter auf­stehen und ihr den Kaffee kochen wolle. Ein Reiter sprengte stumm an ihm vorüber.

„Wie glücklich," rief Paul, der doch nie geritten war, „ist ein Mensch, der ein Pferd hat!"

Schon floß ihm der Schweiß von der Stirne herab, denn seit ihm der Kirchhof im Rücken lag, wgr er