Der Wanderer.
BclletristiHes Beiblatt zur Nassamschm Allgcm. Zeittmg.
1849. — I" 881.
111. Driekes in der Fremde.
Altkölnijches Stücklein.
(Fortsetzung)
Der Lautenschläger fuhr fort: Wenn ich vor Jahren am Tormes gewußt, was ich vor einer Viertelstunde am Rhein erfahren, so hätte ich auch verstanden, daß der Magister Johannes und ich die Narren im Spiele waren. Doch wie hatte sich dergleichen ahnen lassen? Wir kannten zu Salamanca ja nicht einmal den Namen der Fremden, geschweige denn also ihres Thuns und Lassens geheime Triebfedern. Und was meinen „Schlaf" anging, so waren wir zwar mitsammen Bruderherz, unv er hatte von seiner Vergangenheit mir etwas mehr gesagt, als jedem Andern, aber ich wußte damit erst noch so gut wie nichts und wieder nichts. Er hatte mir nämlich an, vertraut, daß er um gewisser Ursache willen, vie er jedoch nicht offenbaren wollte, ein neuer Mensch zu werden sich vorgenommen. Er bedürfe dazu voller sieben Jahre, in welcher Zeit nach der Lehre des Paracelsus der sterbliche Leib vom innersten Kern heraus bis zur Haut sich erneue. Bevor nun nicht mit ihm, von einem 'gewissen Zeitpunkte an gerechnet, diese Umwandlung vor sich gegangen, habe er keine Heimat, keine Eltern, keine Freunde und keinen andern Namen, als den ihm sein Vathe am Taufstein gegeben. Ich aber möge ihm beten helfen, daß die Häutung sich im Schirm der göttlichen Gnade vollende; was ich als guter Bruder treulich auch gethan habe. Hätte nun der Henricus mir zu rechter Zeit gesagt, was ich jetzt erst zu errathen vermag, so sollte die schöne Gabriele bei mir das Ende ihrer Künste erlebt haben mit Schrecken und mit Schmach. Dem lieben Gonsalvo will das freilich nicht scheinen. Ich nehm's ihm weiter nicht übel. War er doch von einer Leidenschaft bethört, vor deren heillosen Wüthen des Himmels Barmherzigkeit jeden ge
tauften Christen bewahre. Für mich war Gabriele einer der vielen Sterne am Himmel, eine der vielen Rosen im Garten, nicht mehr und nicht minder. Ihr gefällig zu seyn, hielt ich für meine Pflicht, abgesehen vom Nutzen, welchen ich daraus zog; und daß sie meinen Meister am Narrensei! führte, machte mir um so mehr Spaß, als ich vom Zügel an meinem eigenen Gebiß nichts inne wurde. Sie verstand auch gar so unbefangen sich zu gehaben, als sie die anscheinend verlorene Frage an mich stellte, wie denn der junge Mann, welchen sie in der Kirche mir zur Linken habe knieen sehen, nach Salamanca gekommen. — Kennt Ihr ihn? fragte ich ziemlich rasch, im Herzen erfreut durch die Hoffnung-, etwas über meinen Henricus zu erfahren. Sie aber strafit meinen Vorwitz durch die bündige Weisung: ich möge nicht fragen, sondern antworten. So berichtete ich denn, nicht etwa was der Bruder mir vertraut, sondern was alle Leute von ihm wußten und sprachen. Worauf sie: Unverhofft bietet sich mir die Gelegenheit, ein gutes Werk zu stiften. Ich kenne den Henricus, der eigentlich gar kein Schüler seyn sollte; auch weiß ich, weßhalb er sich in trauernde Abgeschlossenheit begräbt. Wenn ich nur einmal ungestört mit ihm zu reden käme, so würde ich den Versuch wagen, ihn dem frischen, bewegten Leben wieder zu gewinnen und seine krankhafte Trübseligkeit für immerdar zu heilen. Getraut Ihr Euch, mir die Unterredung zu schaffen? — Warum nicht? versetzte ich; er wird sich doch nicht weigern, Eurem Gebot zu folgen? — Sie schüttelte das Haupt. Wenn ich ihn nicht unversehens treffen kann, sagte sie, so entschlüpft er, scheu wie ein Vogel, glatt wie ein Aal. — Ich verhieß darauf, etwas auszusinnen, und fand in kurzer Frist Gelegenheit, mein Versprechen zu erfüllen. Ein hoher Festtag trat ein. Nach der Vesper zogen wir allesammt, Lehrer und Schüler, ins Freie hinaus. Niemand blieb zurück, als der Pförtner und.
