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Der Wanderer.

Bellettistsschcs Beiblatt zur Nassauischen Mgem. Zeitung.

1849. — .1" 877.

111. Drickes in der Fremde.

AltkölnifcheS Stücklein.

(Fortsetzung)

Gonsalvo warf sich in die Brust. Ich Lenke, sagte er, daß ein spanischer Novelero eben so gut damit fertig würde, wenn nicht besser.

Und ich, fiel ihm Gert in die Rede, ich bilde mir steif und fest ein, daß ein Bischen deutschen Mutterwitzes vollkommen ausreicht, eine Geschichte zu erzählen. Unge- knetet und Mmgedreht schmeckt ein guter Schwank viel besser, gerade wie die Pflaume, bevor sie unter der be­tastenden Hand ihren duftigen Flaum verlor. Drum laß Dein Geschichtlein immerhin vernehmen, Lauten­schläger.

Worauf Qualbert: Wenn es nur einen Anfang und ein Ende hätte! Der Henricus ist damals urplötzlich in Salamanca erschienen, als hâtt' ihn des Tormes Welle an das Gestade gespült. Keiner von allen Schü­lern kannte ihn, und doch waren just damals auö allen Ecken und Enden der Welt die lateinischen Reislâufer zu Salamanca auf einem Häuflein bei einander, als hät­ten Die Tauben sie zusammengetragen, zum Theil grau­bärtiges Volk, mit allen Waffen gewaschen, mit allen Salben geschmiert, mit allen Hunden gehetzt. Den Hen­ricus kannte Keiner, und dennoch ist er eine Gestalt, Die sich nicht so leicht svergißt.

Seit vollen vier Jahren ist er mir nicht mehr vor Augen gekommen . . ., ich sage Euch, Freunde, hättet Ihr zuvor Den wackern Burschen gekannt, und dann heute früh vor der Quentelei mit mir Den Gesellen erblickt, Ihr würdet mir vollkommen Recht geben. So freilich wißt Ihr nichts davon, da ihr weder Den Einen noch den Andern jemals gesehen. Ich hatte zur Zeit, als

HenricuS gegen Salamanca kam, glückliche Tage. War ich nicht Famulus bei einem Cathedraticus*), dem hoch­gelahrten Herrn Magister Johannes Tolctanus? So ein Professor zu Salamanca hat ein besseres Einkommen als hierlandS mancher stolze Rittersmann. Er gab mir an jedem Sonntage ein Stück von Achten, wie's die Spaniolen nennen, nämlich einen Real, der bei uns seine drei guten Groschen werth ist; doch läßt sich nicht so viel dafür kaufen, wie etwa zu Köln, weil in Spanien Gold und Silber weniger selten sind. Nur der Wein ist billiger als hier. Für Kost und Unterstand hatte ich nicht zu sorgen, dazu war mein Freiplatz in Dev Burse. Mein ganzes Geschäft bestand darin, des Magisters WammS und Mantel auszuklopfen, wohlgemerkt: nicht auf seinen Schultern, sondern am Nagel —, dann seine Schuhe zu schmieren und ihn zuweilen nächtlicher Weile zu begleiten, um vor irgend einem Fenster zu klimpern und zu singen. Mit Schreibereien plagte er mich nicht, und ich hatte Muße genug zum Lernen, mehr sogar, als ich dazu verwendete. So lebte ich üppig und in Freu­den, als Der HenricuS ankam. Er brachte Mutterpfennige mit, bezahlte seine Pfründe blank und baar., und wurde mein Schlafgesell auf der Pritsche. Fleißiger war er, als ich, das muß wahr seyn, aber er hatte es auch nöthig. Von Der Philosophie wußte er blutwenig, auf Griechisch hätte er sich mit offenen Ohren verkaufen lassen, ohne etwas inne zu werden, von den sieben freien Künsten mnßte er ungefähr ein halbes Dutzend erst genau in Augenschein nehmen, wenn er einen Begriff davon haben wollte. Er lernte, daß ihm der Dampf aus Mund, Nase und Ohren ging, und sein Fleiß war sichtlich ge-

*) Cathedraticus hieß ein besoldeter Professor an der hohen Schule zu Salamanca; der unbesoldete wurde Prâtendenz (Anwärter) genannt, was wir heut zu Tage Privatdocent heißen.