Der Wanderer.
BclletrWchkS Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
1849. — M 876.
111. Driekes in der Fremde.
AltkölnijcheS Stücklein.
(Fortsetzung)
Die Schüler des 16. Jahrhunderts waren als achte Söhne ihrer Zeit die Lanzknechte der Wissenschaft. Die Einen wie die Andern erprobten sich tapfer in eigener Art und Weise, diese mit Ler bewehrten Faust, jene durch 'tiefe Gelehrsamkeit und gründliches Wissen. In der bodenlosen Meisterlosigkeit und Liederlichkeil trafen sie übereinstimmend zusammen. Wie das Kriegshandwerk ein Beruf auf Lebenszeit, war bei einer großen Anzahl auch das Schülerthum ein Stand, zum Unterschied späterer Zeiten, worin der Waffendienst wie das Erlernen der Wissenschaften zu Uebergângen in das bürgerliche Leben werden sollten. Der Lauzknecht erhielt seinen regelmäßigen Sold oder nahm unbestraft vom Bäuerlein, was etwa des Säckelnieisters Zähigkeit ihm vorenthielt. Zum Sold brachte es der Schüler nicht so leicht, und mit Gewalt durfte er vollends nichts holen, doch kam er darum nicht zu kurz. Sein Mutterwitz und die erlernte Kunst halfen ihm oft besser durch, als dem trutzigen Söldner der gezückte Mordstahl und die drohende Lunte, — hier mit Singen, .Pfeifen oder Lautenschlagen, dort durch Wahrsagen oder freie Mannskünste , und wiederum durch Fechten und Betteln. Konnte er jedoch weder singen noch gaukeln, war er sogar zum „Heischen" zu träge oder zu schüchtern, so hatte es darum erst noch keine Noth mit Hunger und Kummer; die fette Suppe an der Klosterpforte blieb ihm sicher genug. Der Gast im schwarzen Mântlein erhielt dort immer eine reichlichere Gabe, als der Stelzfuß, der nach dem Sprüchworte richtig aus dem jungen Soldatenleben ein alter Lump gewor, den, als der blinde Pfeifer und vollends als der rüstige Bärenhäuter sammt dem andern Gesindlein, das sich bei
der Barmherzigkeit eingepfründet hatte. Für die Streu unter Dach unv Fach sorgte auf der Schule die $anb0» mannftiaft, — „Natio,“ wie sie es damals auf lateinisch nannten.
Die lateinische Redeweise war nämlich die allgemeine des gelehrten Verkehrs, und so zu sagen deS Schülers Muttersprache, er mochte wo immer her gebürtig seyn. Mit seiner lateinischen Zunge war er zu Köln gerade so gut daheim, wie zu Wien, Paris, Salamanca, Prag, Bologna oder auf jeder andern hohen Schule in deut, scheu und wälschen Landen. So auch Qualbert, ein „fahrender Schüler," der als kunstreicher Lautenschläger und Sänger von Schule zu Schule sich durch die weite Welt schlug.
Er hatte schon manchen guten und viele schlimme Tage gesehen, aber gerade nur wie ein Strichvogel, der am hellen Tage sich sonnt, beim Regen unterduckt und, sobald er Line Atzung mehr findet, auf und davon fliegt. Im Sommer deS Winters zu gedenken, war ihm nicht gegeben. Jetzt war einmal wieder Schmalhans bei ihm Küchenmeister. Mit ein paar andern Burschen desselben Schlages, saß er auf der Steinbank vor dem Predigerkloster , wo sie die Suppe gegessen, danach die Vesper mit gesungen hatten und müßig lungernd nun sich von der lieben Sonne anscheinen ließen. Sie hätten sich etwa lieber in die Gartenlaub der wackeren Schenke zum Affen gesetzt, wenn es dort nur nicht Tag für Tag geheißen hätte: heute für's Geld; morgen umsonst. Geert, der Vlame, dachte sehnsüchtig an das steife Bier seiner Hei- malh, Gonsalvo, der Spanier, an die strotzenden Schläuche von Val de Pennas, und Qualbert, dem Weltbürger, wäre ein Maaß Klotzberger, das Gewächs seines vâter- lichen Thales im rheinischen Oberlande, nicht lieber gewesen, als des Südens feuriges Naß oder des Königs Gambrinus brauner Nektar. Auch hatte er bei allem
