Der Wanderer.
BclletrWchcs Beiblatt zur Nassauischen Alldem. Zeitung.
1849. — .1- S7S
II. Dunkle Männer
Altkölnisches Stücklein.
(Fortsetzung)
Die Reuchlin'schen Händel lagen längst begraben, doch die Erbitterung der Parteien lebendiger denn zuvor. Die Krankheit der Zeit war seitdem zum entschiedenen Ausbruche gediehen. Der kölnische Bär hatte in seinem thörichten Eifer fast nichts zu thun, als die Mücken von seines GönnerS Nase mit Pflastersteinen zu verjagen. Aber es sollte diesmal nicht beim Federkrieg und beim Verbrennen geduldigen Papieres bleiben, sondern mit der Schärfe des Schwertes dasjenige bekämpft werben, was, unverwundbar wie die Luft, nur mit den Waffen des Geistes erfolgreich zu bekämpfen ist.
Doch was begriffen diese Finsterlinge von der Gewalt des Wortes und von der Macht der Ueberzeugung? Fürwahr, wenn nicht über der heiligen Stadt des Himmels Gnade ganz besonders gewaltet, die blinden Eiferer hatten durch verkehrtes Thun ihr leicht das Loos bereiten können, welchem Augsburg, Nürnberg und andere hochberühmte Stabte verfallen sind, worin die Abtrünnigen die Oberhand behielten. Im Grevenkeller lagen gefangen auf den Tod die zwei lutherischen Prädikanten Flistebt und Clarenbach, in dumpfer Gâhrung harrten die Gemüther der Dinge, die da kämen, und dennoch drang die Partei der Dunkelmänner auf Fällung und rücksichtslose Vollstreckung des schärfsten Richterspruches.
Bei allem dem war der Magister Ortwein ein Mann von tiefer Gelehrsamkeit, so baß er seinem doppelten Amte als Professor an der Eucaner Burse und als Korrektor in der Quentel'fchen Druckerei mit Ehren vorstand. Denn dem löblichen Ehrgeize der Druckerherren jener Zeit, sauberen und fehlerlosen Satz zu liefern, war keiner weniger fremd, als Iohannes Quentel, der kluge unv kundige
Buchdrucker zu Köln, unv ein ehrliches Stück Geld hatte er sich's kosten lassen, um den Magister Ortwein als Korrektor zu besitzen. Doch hatte bei der Wahl Meister „Klüngel" auch sein Wort in die Wagschale gelegt; der Einfluß Ortwein's auf die gelehrten Zunftgenossen war ein Vortheil, welchen der stets berechnende Lur-HenneS am allerwenigsten übersah. Wie er seinen Nutzen auch aus den Regungen und Bewegungen der neuen Zeit zu ziehen suchte, hütete er dennoch sich wohlweislich, das gebrauchte Wasser zu verschütten, bevor er des frischen sicher war. Er verstand die Kunst, dem Teufel ein Lichtlein aufzusiecken, ohne eS darum mit den Heiligen zu verderben.
Die Brille sattelfest auf der Spitze seiner langen Nase, durchstöberte Ortwein emsig seinen Probebogen. Heute lag ihm die Richtigkeit der Buchstaben unv ihrer Stellung mehr denn je am Herzen, so daß er sich gar nicht losreißen konnte von der Beschäftigung, obschon er jede Sylbe bereits wohl dreimal genau gemustert. Der Bogen gehörte zu vem Buche von 66 Abhandlungen, welches der Magister damals zusammenstellte, und bas später (1535) unter dem Titel Fasciculus renim expe- tendarum ac fugiendar.um als ein- stattliches Foliant an das Licht getreten ist. Für ein Gemüth, das seiner Kindlichkeit noch nicht vollends bar geworden, ist es ein gar zu süßer Genuß, die eigenen Gedanken so auf bet Musterrolle der Unsterblichkeit zu betrachten. Dem Meister Hennes in seinem Lehnsessel wurde aber diesmal ausnahmsweise die Zeit lang bei dem endlosen Fleiße des Magisters. Er wußte recht gut, weßhalb.
Domine, sagte er, Ihr überhört vor lauter Eifer das helle Glöcklern von St. Agatha. Ihr wollt Eure Schüler doch nicht warten lassen?
Verwundert sah Ortwein über seine Brille hinweg. Es wäre das erste Mal, meinte er, daß ich die rechte
