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Der Wanderer

BellctristilchcS Beiblatt zur Raffauischcn Allgcm. Zeitung.

1849. — M 869.

Ein Zweikampf in der Volksvertretung von Arkansas

(Schluß.)

Als nun die Anwesenden den Desperado Wilson mit erhobenem Messer auf Anthony zuschreiten sahen, vermutheten Alle, der Friedfertige, vielleicht furchtsame, werde mit Entsetzen von seinem Platze.wegfliehen. Nie­mand glaubte, daß er bewaffnet sey oder gar sich schla­gen würde. Aber alle irrten, und vielleicht Keiner so sehr, alS Wilson. Während der Wuthentbrannte ihm näher kam, stand er ruhig und bewegungslos da wie eine Bildsäule. Seine Farbe blieb dieselbe, seine Glieder - zitterten nicht, seine ganze Haltung war leidenschaftslos und gelassen. Nur Thränen strömten aus seinen Augen, sie allein gaben Kunde von seiner innern Aufregung. Alle Anwesenden waren von Schauern ergriffen, denn hier handelte es sich um Sieg und -Tod. Bei den Hinter­wäldlern sind zwei ganz sicherer nicht zu mißdeutende Anzeichen vollständiger Desperation vorhanden; — fro# stiges Lächeln und heißrinnende Thränen ; aber die letzteren werden als das bei weitem gefährlichere Zeichen betrachtet. So war es auch diesmal. Denn sobald der Sprecher seinem Feinde bis auf einige Schritte nahe war, zog der letztere plötzlich ein Bowiemesser hervor und trat keck und unerschrocken hervor. Und eS begann ei» Kampf, so hartnäckig und gräßlich, wie man ihn so, gar in dem an blutigen Auftritten allzureichen Südwesten weder vorher noch später erlebt hat.

Wilson's Messer war lang, scharfgespitzt, und so po- lirt, daß die reine Klinge einem Spiegel glich. Auf jeder Seite des feinen Stahls befand sich ein Bild, das zwei Indianer in ihrer eigenthümlichen Tracht darstellte, und wie sie mit Bowiemessern auf Tod und Leben gegen ein­ander kämpfen. Anthony'ö Waffe war ein „Arkansas

Zahnstocher", ein mörderisches Vcrnichtunqswerkzeug. Auf der einen Seitte der Klinge befand sich die Darstel­lung eines Gefechtes zwischen einem Jäger und einem Bären. Der Bär schien den Mann in seiner eisernen Umarmung zu erdrücken, während dieser mit der Spitze seines Messers dem zottigen Ungeheuer ins Herz stach. Auf der andern Seite der Klinge stand das Bilv einer kreisförmig verschlungenen Klapperschlange, die den Kopf erhoben hielt und sich eben zu tödtlichem Sprunge an­schickte. Solche Bilder dienen bei den Desperados im Süden als eine Art von Wahlspruch und sind allgemein üblich.

Wilson führte den ersten Streich, — einen festen ent­schlossenen Stoß, den er auf die Brusthöhle des Gegners richtete. Er wurde parirt. Eine Zeitlang fochten Beide mit bewundernswürdig kaltem Blute, und so vollendeter Geschicklichkeit, daß nur leichte Wunden vorkamen, nnd zwar nur an Kopf und Gesicht. Aber das Blut be­gann schon reichlich herabzutropfen. Aber die charak­teristischen Anzeichen völliger Desperation blieben auch jetzt noch sichtbar und den Zügen eingeprägt. Das kalte Lächeln des Einen war nun zu einem diabolischen Grin­sen unermeßlicher Bosheit gesteigert und aus den schwar­zen funkelnden Augen des Andern flossen die Thränen, jetzt mit warmem Blute vermischt. Dazu klirrten die Messer bei jedem Stoß; — sonst herrschte in der weiten Halle nur Grabesstille.

Endlich, in Wuth über den länger und länger dau, ernden Kampf, und belästigt durch das Blut, welches von den Wunden auf Kopf und Stirn in die Augen herrab- rinm, verlieren beide Gegner Fassung, Geduld und Vor­sicht. Sie fechten toll und blind gegen einander. Jeder ist begieriger, seinem Feinde das Leben zu nehmen, als sein eignes zu erhalten. So strengen sie denn mit un- auSsprechlicher Furie alle Muskeln und Nerven zu den