Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen.Mgem.

1849. — JW s««.

Ein Besuch Platens bei Jean Paul.

(Von Georg Horn.)

Je verschiedenartigere Richtungen jene leuchtenden Welten am Himmel verfolgen, je größer und von be­deutenderem Einflüsse sie sind, zu desto regerer Theilnahme werden wir veranlaßt, wenn sie auf ihren Bahnen sich begegnen. So auch im Leben bedeutender Menschen. Große Männer, wenn auch von verschiedener, ja ent­gegengesetzter Geistesrichtung, können und werden sich einander nie jene Achtung versagen, deren ein ernstes und redliches Streben, überhaupt Größe des Geistes und Herzens werth ist. In einer Annäherung derselben jehen wir die Prinzipien sich begegnen, aber mit dem festen Vor- satze, nichts abzulassen, sonvern nur Wärme auszuströmen, wie denn auch die Härte zweier Steine den Funken gebiert.

Platen war Jean Paul schon bei einem Besuche, den letzterer in Erlangen abgestattet hatte, vorgesteUt worden, allein Jean Paul fand nach seiner Aeußerung PlatenS Natur der seinigen wenig zusagend. Die Be­kanntschaft war also nur eine vorübergehende. Platen hatte das erste Heft seiner Ghaselen herausgegeben und dasselbe mit folgendem Vers 'als Widmung, der auf dem Titelblatte geschrieben stand, Jean Paul zugesandt:

Vielleicht daß dich dies Buch berührt, Man schilt und tadelt es wohl häufig; Doch wer den Streckvers eingeführt. Dem find Ghaselen auch geläufig.

Und wirklich war Jean Paul von diesem Heftchen ange­nehm berührt und sagte dem Dichter eine hoffnungsreiche Zukunft voraus.

Eines Tages, es war im Sommer, ließ sich bei Jean Paul ein Fremder melden. Er hatte nur den Namen Platen genannt. Es war eine Gewohnheit Jean Pauls,

Fremde, von denen er sich viel Anregung und Interesse versprach, zu sich in sein Arbeitszimmer kommen zu lassen, während er hingegen andere, von denen er sich das Gegentheil dachte, von seiner Gattin empfangen ließ und selbst nur auf wenige Minuten, so weit er es dem An­stande schuldig zu seyn schien, sich zeigte uud an der Unterhaltung Theil nahm. Sey es, daß er sich in diesem Augenblick gerade nicht besonders bewogen fand, einen Fremden in seinem Arbeitszimmer zu sehen, oder sey eS, daß in die Erinnerung an den jungen Dichter verlassen hatte — genug, er ließ seine Gattin bitten, den Fremden zu empfangen. Dieser überdies mit den feinsten Nüan- zirungen des gesellschaftlichen Tones vertrauten Dame war der Dichter und der Graf Platen genugsam besannt, um ihm einen diesen beiden Eigenschaften angemessenen Empfang bereiten zu können. Ein kleiner, schwächlicher junger Mann von bleicher Gesichtsfarbe trat ein. Nach gegenseitiger Begrüßung trat Jean Paul ein. Die Unterhaltung war sehr schleppend, 'und zu verwundern ist es, nicht sowohl von Jean Paul, der von den Fremden eine Anregung erwartete und dann den Faden fortspann, als von Platen, der doch Selbstgefühl in so hohem Grade besaß, daß er äußerst wortkarg, ja kleinlaut war und alle Fragen nur mit Ja und Nein beantwortete. Jean Paul war still, Platen bewahrte ebenfalls das Gelübde des Schweigens, und die Gattin des ersteren hatte trotz ihres reichen Geistes und ihrer unübertrefflichen Unter- haltnngsgabe alle Mühe zu verhüten, daß die Räume zu einer Karthause würden. Jean Panl zog sich endlich unbefriedigt zurück. Die Dame war mit Platen allein, und dieser machte keine Anstalt, sich zu verabschieden. Jene suchte in den tiefen Klüften ihres Geistes vergebens nach einem Funken, den sie entzündend in seine Seele werfen könnte — alles umsonst; Platen saß da, eine äußere Hülle, welche die Seele verloren hatte, und wahr-