Einzelbild herunterladen
 

spiel und den Faltenwurf hatte sie gründlich studirt. Die Fürstin in der Braut von Messina, Antonina im Belisar konnten in dieser Beziehung als höchste Muster gelten. Dabei zeichnete sie nicht blos ins Große; sie begnügte sich nicht mit Flaymann'schen Konturen, sondern alle ihre Leistungen waren ausgeführte Gemälde voll feinster Züge, die ebenso überraschten als entzückten. So war sie als Elisabeth in Maria Stuart.

Eine ihrer ergreifendsten Rollen war die kleine der Armgart in Wilhelm Tell, die sich mit ihren Kindern dem Pferde des Geßler entgegenwirft. Sie war eine Künst­lerin, die es nicht verschmähte, ein Werk Schillers durch ihre Kunst zu verherrlichen, selbst wenn ihr nur dazu der kleinste Platz beschieden war. Auch deßhalb verdient sie ehrend genannt zu werden. Mit eisernem Fleiße studirte sie ihre Rollen; als sie eben mit dem Studium einer Rolle in den Raupach'schen Hohenstaufen beschäftigt war, fand ich sie die Geschichte der Hohenstaufen von Raumer eifrig lesen. Im Leben war sie stets anspruchslos, selbst zur Zeit ihrer höchsten Erfolge. Sie war ebenso mild, wohlhtätig, gutmüthig. Nie konnte sie die innere Angst überwinden, die sie bei einem ersten Auftreten vor einem fremden Publikum in einer noch so oft gegebenen Rolle überfiel; da half es nicht, ihr vorzustellen, daß sie ja die große Meisterin sey, die auf gewissen Sieg rechnen durfte; ihre Angst war oft so groß, daß sie sich übel und schwach fühlte und kaum vermögend war, das erste Wort auf der Bühne zu sprechen. Daß sie jetzt nicht älter als etwa siebzig Jahre seyn kann, ist bereits von Augsburg aus, ihrem Wohnsitze, erwähnt worden. Ihren fünfzigsten Ge­burtstag feierte ich in einem großen Künstlerkreise in Hamburg mit, als sie im Jahre 1830 sich dort befand. Dort waren Männer zugegen, die sie seit frühester Jugend gekannt hatten.

Mit Frende erfüllt es mich, daß diese Notiz über das Leben und Wirken der Künstlerin als eine Huldigung der Lebenden, nicht als ein schmerzlicher Nachruf der Ge­schiedenen vor die Augen der Welt tritt. Möchten diese Zeilen, wenn sie ihr in ihrer stillen Zurückgezogenheit zu Gesicht kommen, ihr Freude bereiten und wie ein Dank erscheinen, den ihr ältere Zeitgenossen für die herrlichsten Leistungen darbringen. Mit dem Abtreten Sophia Schrö- der's erlosch die letzte Sonne einer schönen Kunstperiode, die jetzt nur noch geschichtliches Interesse bietet. Schulen haben diese Meister nicht hinterlassen und auch die ältere, lange wie ein Gesetz heilig geachtete Tradition ist nun nach und nach verschwunden. Je nun, eS ist ja die Zeit des Fortschritts; dem aufrichtigen, glühenden Streben bleibe die dankbare Anerkennung zugewandt und der Wunsch aus dem Herzen: daß die neuen Größen, und unter ihnen die von Allen anerkannten Meister bald Vor­

bilder aller Strebsamen werden möchten. Nur möge unS der Himmel vor den in nahe Aussicht gestellten Schulen der Philosophen bewahren. Ich bin vollständig überzeugt, daß sie vielen Schauspielern die Köpfe verdrehen und mit Dunkel erfüllen, aber keinen Einzigen befähigen werden, durch ihre Lehre Kunstwerke zu schaffen, wie sie den vom Schauplatze abgetretenen Größen einst gelangen.

Z Gervinus über Bornes Briefe aus Paris, als ein Spiegelbild jetziger Zeit.

(Fortsetzung und Schluß.)

Die ganze Menschheit, haben wir immer gemeint, blickte von jeher auf die vergangenen Zeiten, als auf die glücklicheren, zurück, denn sie sind die einfacheren, in denen die geringeren Bedürfnisse leichter zu befriedigen waren, und in Befriedigung der Bedürfnisse liegt den Menschen gemeiniglich das Gefühl des Glückes. Aber nach der Lehre dieser neuen Propheten ist das Glück der Welt fortwährend im Steigen. Es gibt jetzt zehntausend mal mehr glückliche Menschen, als vor 400 Jahren! Die Summe des Glückes wäre zwar die nämliche, aber eS sey anders vertheilt. Damals sey Land, Gut, Reichthum, Lust des Lebens, Waffen zur Vertheidigung dieser Lebens­güter im Besitz des Adels, und alle Künste und Wissen­schaften und göttliche Erkenntniß in den Händen der Geist­lichkeit gewesen! Land, Gut, Reichthum, Lebenslust, Waffen, Künste, Wissenschaften und gelehrte Theologie sind also das Glück der Menschheit! Armer Sokrates! du suchtest die Lust in der Gerechtigkeit der Seele, und vas Glück in den niedrigen Hütten der zufriedenen Hand­werker! Armer Christus! du gingst an den Reicher vorüber, du spottetest über die Pharisäer und Schriftge lehrten, und beriesst in das Reich deiner Seligkeit zuers die an Gut und Geist Armen! Vernehmt, in diese' neuen Welt der Ideale ist das Geld der Stein bei Weisen! Horcht auf, die göttliche Erkenntniß, welch nie Eigenthum der Geistlichkeit war, die ist jetzt zun Heile der Welt Allgemeingut geworden!

Und nun ruft unser Gesandter von Gott: „Vollende das Werk mit eures Geistes, mit eurer Hände Kraft und wartet nicht auf die Zeit, die langsam zerstört un noch langsamer bildet." Wer verkennt den göttliche Beruf des Mannes? Dieser ist mehr als Herkules, de die Last des Himmels trug, mehr als die weise Palla und der mächtige Hebräergott, die wohl einmal die Ze zu hemmen suchten; aber dieser weiß sie zu jagen, wei sie zu meistern, die jetzt in langsamem Gange der Ung