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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.

1849. — M 863.

Sophie Schröder

(Dem Frankf. Konv.-Blatte mikgetheilt von August Lewald).

• Vor einigen Wochen ging die Nachricht durch alle Blätter „Sophie Schröder sey im 83sten Jahre gestorben"; eS war eine kahle und kalte Anzeige, die Lüge wollte sich durch die Einfachheit, in welche sie sich hüllte, glaubwür­diger darstellen. In welcher Absicht überhaupt die Lüge erfunden worden war, kann ich mir nicht denken. Wäre eS die gewesen, der jetzigen Generation, die nach und nach in ruhigere Bahnen lenkt, durch einen großen Namen, der noch vor kurzem in der Kunst glänzte, diese selbst wieder in das Gedächtniß zu rufen und eine Hindeutung damit zu geben, wo daS Schauspiel von heute anzu­knüpfen habe, um seinen würdigen Standpunkt wieder einzunehmen, so hätte diese Absicht eine allerdings tiefere Bedeutung gehabt; aber ich vermag dies nicht vorauszu­setzen. Die Nachricht dürfte vielmehr der Schreiblust eines müßigen Alltagsberichterstatters entsprungen seyn. Schmerzlich berührte es aber wohl jeden Kunstfreund, den Namen so plötzlich überall auftauchen, ihn in der Leute Mund gebracht zu sehen; für einen Augenblick wieder auf der Scene zu erblicken, damit er dann sogleich wieder in die Nacht der Vergeffenheit zurücksinke, welcher er nie angehören sollte, einer Vergessenheit, welche die Zeitgenossen deS Undanks zeihen würden. Eingedenk deS ' Dichterwortes:

Vergänglich ist des Mimen Kunst, Zhm flicht die Nachwelt keine Kränze,

Drum muß er geizen mit der Gegenwart —

wollen wir hier ein Gedenkblatt für die Künstlerin und ihre Kunst niederlegen, da die Gegenwart ihr noch nicht entschwunden ist, und so der Nachwelt einen Beitrag lie­fern, wenn sie einst den ruhmbekränzten Namen in die Annalen der Kunst einschreibt.

Sophie Schröder, eine der großartigsten Erscheinun­gen im Gebiete deutscher Kunst, ist die Tochter eines unberühmten Schauspielers Bürger, der am Rhein seine Kunst übte, und wahrscheinlich unter ungünstigen Ver­hältnissen geboren. Ihre erste, mangelhafte Bildung war wohl zunächst auf die Bühne und ihre damaligen Bedürf, nisse gerichtet; sie begann frühzeitig zu tanzen und zu singen, und ihre eher kleine als imposante Figur, ein bestechendes Organ, ein lebhaftes Auge, eine große Lebendigkeit und Beweglichkeit, alle diese Eigenschaften, welche mehr angenehm alö glänzend genannt werden konnten, verschafften ihr die zu jener Zeit beliebten Rollen in den Ephemeren, die Donauniren und andern Genieen der Zauberopern, die schalkhaften Soubretten, die Fanchon u. s. w. Noch sehr jung verheirathete sie sich mit einem Hrn. SmetS und ein Sohn aus dieser Ehe war der bekannte Dichter und Domherr zu Aachen, Wilhelm SmetS, der im vorigen Jahre Mitglied der Nationalver, sammlung zu Frankfurt war und bald nach seinem Aus­tritte aus derselben starb. Ueber den Bildungsgang dieses merkwürdigen Mannes ist mir nichts Näheres bekannt. Seine Mutter scheint ihn frühzeitig andern Verhältnissen überlassen zu haben.

Wir finden sie bald in zweiter Ehe, als Madame Stolmers bei den Bühnen deS Nordens, immer in dem heitern und lyrischen Genre beschäftigt, in Riga und Breslau, als eine beliebte Schauspielerin, die von ihrer nachmaligen Größe noch wenig ahnen ließ. Ein Zufall, wie bei der Rachel, welche ja auch lange als Choristin bei Theatern zweiten Ranges ein obscures Daseyn ver­lebte, enthüllte auch bei der StolmerS daS ihr inwohnende mächtige Talent. In Breslau erkrankte plötzlich eine Schauspielerin, und ein Trauerspiel, welches der Kaffe eine ergiebige Einnahme versprach, konnte nicht gegeben werden. Man war in Verlegenheit und wandte sich an