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Der Wanderer.

BcllctrWchcs Beiblatt zur Nassauische» Allgem. Zeitung.

1849. — .1" SSS

Das Bivouac, oder eine Nacht an der Mündung des Ohio

Eine Reisegeschichte auS dem amerikanischen Westen.

Vor ein Paar Jahren unternahm ich eine Reise nach St. LouiS und ging in Cincinnati an Bord des Damf- schiffes „Chief Justice Marshall", das nach New-Orleans bestimmt war. Ich wollte aus demselben nur bis zur Mündung des Ohio fahren, dort aussteigen und auf ein aufwärts kommendes New-Orleans-Boot warten, um mich nach meinem Bestimmungsorte zu bringen. Unsere Reisegesellschaft bestand aus drei Damen, — einer Mutter und ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, und einem jungen Herrn mit seiner Braut aus Louisiana, die ihren soeben aus dem Kolleg gekommenen Bruder bei sich hatte. Das Boot war groß und bequem; ein geräumiges Staatszimmer bot uns alle Abgeschiedenheit eines Privat­gemachs des Wohnhauses.

ES war ein heller Oktobermorgen, als wir vom Landungsplätze abstießen, unseren Lauf den Strom hinab begannen und die „Queencity" in der Ferne verschwinden ließen. An der prächtigen Strombiegung entlang, welche die Halbinsel der großen Metropolis Ohios bildet, ist die Aussicht vom Dock überaus reizend und abwechselnd. Dem Auge des Reisenden, der die Stadt und ihre gegen­über liegenden vorstädtischen Ufer betrachtet, scheint der Strom durch ein Thal zu fließen, das schon seit Jahr­hunderten bevölkert worden, nicht aber durch eine Region, die erst noch vor fünfzig Jahren eine öde Wildniß war. Gedrängte Bevölkerung, geschmackvolle Anlagen, Reich, thum und sorgfältig betriebener Ackerbau an den Ufern — Alles deutet auf die Heimath eines längst angesiedelten Volkes, statt des Emigranten von gestern. Erstaunt über das, waS er sieht, überwältigt das Gemüth des Reisenden der Gedanke an die zukünftige Größe und Bestimmung

des Landes. Dieses Gefühl erwacht nicht blos bei dem Anblicke von Cincinnati und seiner Flotten von Dampf­schiffen, sondern cs bauert auch lebhaft und anhaltend fort, wenn er den geschlängelten und romantischen Strom hinabgleitet. An beiden Usern steigen prächtige mit ihren wogenden Feldern auf, um die Lippe der lachenden Welle zu berühren, und in kurzen Zwischenräumen treten aufblühende Ortschaften dem nie ermüdenden Blicke ent­gegen. Unähnlich der Eintönigkeit des Mississippi, bietet der Ohio überall Gegenstände, die das Auge fesseln. Der Reisende, welcher Sinn für die Natur hat, kann das Deck nicht verlassen, so lange er an diesen Regionen vorüber schwebt.

Am nächsten Morgen nach unserer Abfahrt von Cincinnati erreichten wir Louisville. Seine Levees, denen wir unS näherten, boten einen kaum weniger geschäftigen Anblick als die seiner Nebenbuhler-Stadt. Gelegen ge, rade über den „Fällen", war es damals der Mittelpunkt einer sehr bedeutenden Booischifffahrt; aber seitdem ist um die Fülle herum ein tiefer Kanal angelegt worden, durch den die in New-Orleans beladenen Dampfschiffe Jassiren können, ohne, wie früher, aufgehalten zu seyn und ihre Ladung auf Karren in kleinere Boote über die Fälle schicken zu müssen. Sie setzen jetzt ungehindert ihren Weg nach Cincinnati oder Pittsburg fort.

Der Strom stand ungewöhnlich hoch und die Felsen der Stromschnellen waren fast ganz überlaufen, so daß man sich bei geschickter Lenkung durch sie wagen konnte. Nach einstündigem Aufenthalte an der Landung schossen wir in die Mitte des Stromes und richteten die Spitze des Dampfschiffes den Fällen zu. Während wir uns ihnen mit der Geschwindigkeit eines Pfeiles näherten, wurde an Bord kein Wort gesprochen, ausgenommen vom Piloten, der vorn stand und dem Steuermanne kurze Weisungen gab. Schwarze Klippen tauchten auf jeder