Der Wanderer.
Bcllctriftiichcs Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung
1849. — M 850.
Ein Gedicht von Gottfried Kinkel.
Briefliche Mittheilung des Konversationsblattes aus Bonn.
Am siebenten September dieses Jahres feierte in der Musenstadt Bonn der sehr brave, von allen seinen Schülern und Mitbürgern geliebte und verehrte Gymnasiallehrer Dr. Peter Josef Mockel sein fünfzigjähriges Lehrerjubiläum im stillen häuslichen Kreise. Der verdienstvolle Mann konnte sich nicht entschließen, eine öffentliche Ehrenbezeigung anzunehmen, denn ihn drückte hart das Schicksal seines Schwiegersohnes Gottfried Kinkel, der in Rastatt für seine Betheiligung an den Stürmen unserer Zeit hart büßte. Tochter und drei Enkelchen haben in der Großeltern Hause ein Asyl gefunden und der alte Mann vertritt mit aufopfernder Liebe des Vaters Stelle bei ihnen. Am Jubeltage begab sich eine Deputation, bestehend aus den ältesten in Bonn lebenden Schülern, zum Jubelgreise und brachte ihm nebst herzlichen Glückwünschen Geschenke dar, die ihm die Liebe und Dankbarkeit seiner in der Nähe und Ferne wohnenden Schüler verehrt hatten. Die philosophische Facultät ertheilte ihm die Doktorwürde, und der König, wahres Verdienst immer ehrend, übersandte ihm den rothen Adlerorden. Am siebenten September war Kinkels Schicksal wahrscheinlich entschieden, sein Leben wenigstens gesichert; und so gelang es denn endlich den dringenden Bitten der Schüler, den Jubelgreis zu bewegen, an einem ihm zu Ehren veranstalteten Festmahle Theil zu nehmen.
Daß Kinkel seine Verirrung erkannt, daß er wenigstens einsehe, sein Ziel nicht auf dem rechten Weg verfolgt zu haben, daß ihm der Gedanke, seinem theuern Schwiegervater Kummer bereitet zu haben, bittere Reue verursache: darauf deutet wohl die eine oder andere Stelle des Gedichtes hin, welches er dem Jubilar zusandte. Wir lassen dasselbe hier folgen, da es uns mehr als
manche andere seiner poetischen Blüthen einen Blick in Kinkel's Inneres thun läßt:
An meinen Vater
zu feinem fünfzigjährigen Lehrerjubiläum,
den 7. September 1849.
Heut auf ein halb Jahrhundert
Schaust, Vater, du zurück,
Und selber still verwundert
Betrachtest du dein Glück.
Dir fiel das Loos, zu lehren
Die Welt, die sich erneut,
Und drei Geschlechter ehren
In dir den Meister heut.
Die Bahn ward angefangen
In wilder Kampfeszeit;
Eh' sie zum Ziel gegangen,
Erneut sich Völkerstreit.
Doch in den schlimmsten Tagen
Blieb treu dir Ein Gewinn:
Du hast davongetragen
Des Friedens milden Sinn.
Du ließest Andere raffen
Nach Glanz und Nuhmespreis;
Mehr Frucht hast du geschaffen
Durch stillbescheidnen Fleiß.
Du hast in manchem Geiste
Der Bildung Keim gelegt;
Daß er das Größte leiste.
Das Kleinste treu gepflegt.
Und drum, welch froh Gedränge Füllt heute Weg und Strom! Es saßt der Pilger Menge Zum Feste kaum der Dom. Es nimmt der Zug kein Ende, Ein Jeder drängt sich zu: Vergessen Kleid und Stande — Denn alle lehrtest du.
