Der Wanderer.
Belletristiken Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
1849. — .1" SIS
A Die Circassterin.
Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
XXII.
Es war im Frühlinge 1721, ungefähr ein Jahr nach dem Tode FerriolS, um die Morgenzeit. In einem großen Schlafkabinette, das mit den Porträts der be- rühmtesten Schönheiten damaliger Zeit: die Damen von Novilles, von Parabere, von Lesdiguières, von Montbrün, von Villefranche geschmückt war, befand sich A'i'ssa. Diese letztere war jedoch nicht mehr jene anbetungswürdige Circassierin, mit dem rosenfarbigen Teint, den Korallenlippen, dem Sammtauge. Mehrere Jahre waren verflossen, das junge Mädchen war Frau geworden; der Schmerz hatte ihre schöne Stirn getrübt, die einst so glänzend und rein war.
Neben A'i'ssa stand eine alte Bekannte, die treue Sophie, ihr früheres Kammermädchen. Sie war beschäftigt, ihre schöne Gebieterin zu schmücken und schien fich diesem Geschäfte mit aller Liebe zu unterziehen, während A'i'ssa nachdenklich und träumerisch einen melancholischen Blick durch die Fenster in den grünenden Garten des Hotels von Ferriol warf. Plötzlich rief Sophie, deren Beschäftigung beendet war, fröhlich aus:
„Ach! wie hübsch Sie sind, Madame! Betrachten Sie sich in dem Spiegel; noch nie ist es mir gelungen, Sie so schön zu machen, wie Sie heute sind."
A'i'ssa blickte nachlässig in den Spiegel, und lächelte trübe.
„In der That, sagte sie, gute Sophie, ich ehre Dein Talent, bedauere jedoch nur, daß es verlorne Mühe ist, denn Dich ausgenommen wüßte ich nicht, wer heute Dein Werk bewundern sollte."
„Ach, Madame, ich weiß das wohl, und es macht mir vielen Kummer; doch ist dies nicht Ihre Schuld? Bereits länger als ein Jahr dauert Ihre Wittwenschaft, und noch haben Sie nicht die Trauer abgelegt."
„O nein! murmelte die junge Frau, ich werde sie nie ablegen."
In diesem Augenblicke klopfte man leise an die Thüre. Sophie ging hinaus und kehrte bald mit einer Tafel zurück, auf der mehrere Papiere, Briefe und Zeitungen lagen. A'i'ssa erbebte und streckte schnell die Hand aus nach den Briefen, überlief schnell deren Aufschrift und warf sie dann wieder von sich, ohne sie zu öffnen.
„Wie, Madame, wollen Sie diese Briefe nicht lesen?"
„Was liegt mir an ihnen, da nicht einmal einer von ihm dabei ist?"
„Der Herr Ritter hat freilich lange nicht geschrieben, er ist doch gewöhnlich so ernst in seiner Korrespondenz, das wundert mich, Man hat ihn gewiß auf irgend einen Kreuzzug gegen die Barbaresken geschickt."
„Man muß es glauben, Sophie; doch sein langes Schweigen beunruhigt mich. Mein Gott! wenn ihm nur nichts geschehen ist!"
„Was soll denn mit den andern Papieren geschehen ?"
„Was Du willst; ich habe nicht das Herz, sie zu lesen. Lies Du sie, wenn eö Dir Vergnügen macht."
„O recht gern. Ein parfümirtes Billet! Ich wette, daß es von Herrn Herzog von Richelieu ist..."
„Richelieu! er wagt noch! . . ."
„Wissen Sie denn nicht, Madame, daß er der kühnste und unternehmendste Herr am Hofe und voll Erbitterung ist, Sie noch nicht zu seinen Siegen zählen zu können."
