Der Wanderer.
Bclletristsschcs BciblaN zur Nassauischen Allgcm. Zeitung.
1849. — .1" SSS.
A Die Circaffierin.
Geschichte aus der Zeit der Regentschaft.
(Fortsetzung)
XV.
DieLiebe mit zwanzigJahrenund mitsechszig
Jahren..
AlS Aissa die Augen wieder öffnete, war von Allen denen, die sie zuerst gesehen, nur ein einziger bei ihr geblieben, der sie schluchzend beim Namen rief. Sie erkannte diese Stimme, die eine unbeschreibliche Wirkung in ihr hervorbrachte.
„Sie hier! sagte Aissa zu Aydie, Sie! . . .
Ach! als ich vorhin die Augen öffnete und Sie sah, war ich sehr glücklich, ich glaubte mich todt, denn ich dachte nicht mehr, daß ich Ihnen in dieser Welt begegnen würde. Ach! ich bin noch auf dieser Erde! Oh! sagen Sie mir, durch welchen unbegreiflichen Zufall Sie wieder in meine Nähe gelangten!"
„Jedem Andern würde ich den Grund meiner Anwesenheit verbergen, doch Ihnen öffne ich meine ganze Seele. Ich gehe dem Regenten voraus, denn dumpfe Gerüchte von einer Landung der spanischen Flotte nach der Bretagne rufen, er hat sich heimlich auf die Reise gegeben... Doch Sie selbst, Aissa, Sie in der Bretagne und in dieser Kleidung? Was machen Sie hier?... Was war Ihr Loos bis jetzt? . . ."
Bevor ich rede, geben Sie mir das Versprechen, daß meine Worte keine Gefahr über das Haupt eines Mannes bringen, an dem ich mich niemals zu rächen geschworen."
,/Aissa!"
„Versprechen Sie es mir bei Ihrer Ehre!"
Aydie reichte ihr statt aller Antwort seine Hand; dann entrollte Aissa vor seinen Augen das Bild ihrer frühern Leiden. Sie erzählte ihm ihre Erniedrigung, alle ihre mannigfaltigen und dauernden Leiden!
Aydie blickte Aissa schweigend an. Als sie ihre Schilderung beendet rief er im Uebermaße seines schmerzlichen Gefühles:
„Oh! komm, komm mit mir! . . . Armes Mädchen, Du hast genug erduldet; eS ist Zeit, daß Gott Dir endlich wiedergebe, was er Dir genommen . . . Komm! ich will Dich noch glücklich machen! . . .
„Nein! Dank, Dank, tausendfältigen Dank, edler Freund; selbst wenn ich die Bande, die so schwer auf mir lasten, brechen könnte, unter welchem Namen soll ich Ihnen denn folgen?"
„Was sagst Du, Aissa?... Kannst Du anders denken, als daß Du meine Gesâhrtin, mein Weib werden sollst."
„Sie, Sie, mein Freund, erwiederte Aissa, hegten diesen Gedanken? Sie lieben mich also so sehr? ... Doch ich kann, ich darf es nicht annehmen! . . ."
„Aissa! . . ."
„Ich! eine Sklavin! ich sollte Ihr Weib werden!... Nichts auf der Welt.ist unmöglicher! . . . Ach! lassen Sie mich fliehen, damit ich nicht in diefem Entschlusse wankend werde, der meine Pflicht, meine Heiligste Pflicht ist!... Leben Sie wohl!... es ist schon zu viel Glück für mich, daß ich Sie so lange Zeit wiedergesehen habe."
„Aissa! Du willst nicht mit mir fliehen! Weib, Schwester, Freund, unter welchem Titel ich Dich immer wieder erhalten kann, ich will Dich nicht mehr verlieren !"
„Lassen Sie mich! ach, lassen Sie mich! ich bitte Sie."
