Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

--- '*o >»s««--—----

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

1849. — Jls 818.

△ Die Circasfierin.

Geschichte auS der Zeit der Regentschaft.

(Fortsetzung)

Bald erschien Kernok wieder mit dem Korbe, den er auf den Tisch setzte. Die ungewöhnliche Form der Fla­schen versprach dem Gaumen der Soldaten bisher unge­kannte Genüsse; auch hielten alle Arme unwillkührlich Gläser hin, wie auf ein militärisches Kommando.

„Einen Augenblick, eS ist richtig! sagte Avon; wir trinken im Namen des Königs und deS Gesetzes. Ich trinke zuerst in meiner Eigenschaft als Sergeant. Ich kenne diesen Wein, setzte er nach einem gründlichen wie­derholten Versuche hinzu; es ist spanischer Wein."

Bei diesen Worten sprang Pantcallet, der endlich die Zeichen des Wirthes bemerkt, aus.

„Spanischer Wein! rief er, wenn das der Fall ist, so nehme ich ihn in Beschlag! Bei Gott! man soll nicht sagen, daß Duguet von Pontcallet sich mit Eider begnügt habe, während Küstenwächter ihre Kehlen mit spanischem Weine netzten!'..."

Er ergriff die Flaschen und den Korb und wollte Alles forttragen; doch Avon trat ihm entgegen.

„Herr von Pontcallet! stammelte er aufgeregt, ich habe ihnen niemals etwas gesagt, obgleich wohl die Ge>- rechtigkeit zuweilen etwas mit Ihnen abzumachen hatte; wenn Sie aber nicht gleich diesen Wein stehen lassen, so werde ich mich genöthigt sehen, Gewalt anzuwenden und Sie zu verhaften in meiner Eigenschaft als..."

„Ihr, einen Pontcallet verhaften!... rief der Koloß, vor Zorn schäumend; bevor das geschieht, schlage ich alle diese Flaschen an den Köpfen Eurer Mannschaft entzwei."

Auf diese Drohung des Edelmannes antworteten die Küstenwächter mit Wuthgeschrei, und stürzten sich wie

eine Meute Hunde beim Anblicke eines Ebers auf ihren wilden Gegner, als man eine große Gestalt von fabel­hafter Magerkeit in einem ziemlich abgeschabten Sommer­kleide erscheinen sah. Diese Person durcheilte die Masse der Zuschauer, welche der Lärm dieser Szene herbeigezo­gen hatte, und sich zu Pontcallet wendend, sagte er in einem mit spanischen Ausdrücken stark untermischten Ak­zente:

„Halten Sie ein, mein Herr, der Wein ge­höret mir."

„Aber, Herr..."

„Per dio! Herr, lassen Sie mich nur machen, ver­setzte halblaut der neue Ankömmling, ich gehe auch in den Wald!"

„Sie!... Aber wie! Kein Kleid von Zwillich, kein schwarzes Band!"

„Still!... murmelte der Fremde. Dann sich zu den Küstenwächtern wendend, sagte er: Was Euch, meine Tapfern anlangt, ich bin der Signor Marino-Marini, Graf deS heiligen römischen Reiches."

„Woher kommt es denn, daß Sie spanische Weine erhalten? fragte Avon, es ist Kontrebande, da wir uns im Kriegszustände befinden."

„Ei! durchaus nicht! Dieser Wein befand sich schon seit zehn Jahren in dem Keller eines Freundes von mir, eines reichen Kaufmanns zu Saint-Brieuc, der ihn mir endlich zuschickt, ohne dadurch die Rechte der Douane zu verletzen, die ich ebensosehr achte, als die Wächter selbst."

Der Graf des heil, römischen Reichs nahm seinen Hut ab.

„Alles das wird dadurch noch nicht klar. Was be­deutete denn der Befehl, den Wein zu Meister Peter zu schicken, falls man Sie nicht finden sollte?"

„Ah! weil die Träger des Weines wußten, daß ich ihn dort aufbewahren wollte bis zur Gelegenheit eines